Jung-Stilling, der seine Lobpreisung des Strassburger Münstersmit dem Ausrufe schloss: «Gut! dass es ein Teutscher gebauthat!»; endlich Johann Gottfried Herder . Dieser weilte nebenGoethe in Strassburg im Jahre 1770, gerade als Schöpflins Lebensich zum Ende neigte; es war ein denkwürdiger Moment, da hierder Ausgang eines imposanten Vertreters der früheren Historikund in Herder die Ahnungen und Anfänge einer neuen unmittel-bar zusammentrafen.
In Goethes Strassburger Leben tritt uns nun auch das Bildentgegen, das uns hinaus ins elsässische Land weist: die beidenSesenheimer Mädchen, die sich deutsch tragen, zwischen ihrenstädtischen, französisch gekleideten Verwandten, hier in der Engedes Zimmers, sie, die dem Dichter sonst nur auf dem Hinter-grund eines meilenweit freien Horizontes erschienen waren.
Hier draussen finden wir, allerdings verschoben und in ganzanderm Verhältnis der einzelnen Teile, dasjenige wieder, was unsin Strassburg begegnet ist.
Natürlich auch hier ein zum Dominieren sich drängendesFrankreich mit den mannigfaltigsten Kräften und Einflüssen.Vor allem in den Städten bildet sich eine gesammeltere Vertre-tung dieses Wesens; aber die Städte, mit Ausnahme Colmars ,sind meist klein und bedeuten wenig.
In diesen städtischen Rathäusern schaltet der französische Prätor neben den deutschen altorganisierten Magistraten. Undwie hier, so zeigt sich durchs ganze Land das Nebeneinanderfranzösischer und deutscher Hoheiten, Verfassungen, Institutio-nen und Rechte, französischer und deutscher Regierungen, Ver-waltungen und Beamten. Es ist ein Zustand mit merkwürdigenWirkungen im Einzelnen, da den Beamten die Sprache, aberauch die Denkweise und Lebensart Derjenigen fremd ist, zuderen Pflege und Leitung sie bestellt sind; da den Bauern Be-fehle und Vorladungen zugesandt werden, mit denen sie oftmeilenweit zu einem Sprachkundigen laufen müssen, um siesich ins Deutsche übersetzen zu lassen; da vom deutschen Ge-richte der Zug geht an den französischen Appellhof usf.
Das sind einzelne Erscheinungen. Rings um sie her aberwiederholt sich dieses Zweierleidasein in Sprache, Tracht, Bau-art und Gerät, Lebensweise, Anschauung. Nur dass dabei nie und
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