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Handbuch für Autographensammler / bearbeitet von Dr. Joh. Günther und Otto Aug. Schulz ; mit Holzschnitten und einer colorierten Tabelle
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IV. Nutzen der Autographen.

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kennen lernen. Ist derausserordentliche Mann zugleich ein gelieb-ter Todter, so theilen wir beim Erblicken seiner Handschrift die Em-pfindung des Dichters, als er Edons Handschrift wieder las 1 :

Theure Züge, wie mahnet ihr mich voll schmerzender Wehmuth!

Ach , vermodert ist längst, die euch entworfen, die Hand;

Aber das heilige Bild, das ihr vor den Geist mir zurückbringt,

Ewig lebt es in mir, wie in unsichtbarer Welt.

Bei Personen, die irgend eine Bedeutung erlangt, an deren Na-men und Bild sich irgend eine Reihe von Sensationen knüpft, übtalles zu ihnen Gehörige einen Reiz aus, der in geradem Verhältnissemit ihrer historischen Erscheinung selbst steht. Niemand wird ohnesehr bestimmte Bewegung erfahren, dass der vor ihm stehende Sesselderjenige sei, auf welchem einst Karls des Grossen irdische Reste indem Aachener Grabgewölbe vorgefunden worden, dass jener Degender sei, den Franz I. bei Pavia dem Connetable von Bourbon verwei-gerte, dem Herrn v. Lannoy übergab, dass dieser unscheinbare Huteinst das Haupt des grossen Königs bedeckt, dass jenem Dintenfassedie Schriften entquollen sind, mit welchen Kant die neuere Philosophiebegründete, dass jener zierliche Hausaltar die Gebete der noch un-glücklicheren als schuldbeladenen Maria Stuart empfangen hat. VonAllem nun, was der Mensch hienieden zurücklässt, gehört ihm viel-leicht nichts so ganz eigen an, als seine Handschrift, ein Product sei-ner geistigen und leiblichen Thätigkeit, ein eben so unmittelbarer alsdabei greiflicher Ausfluss seiner Persönlichkeit als seine Handlungenselbst. Keiner jener oben bezeichneten Reste hängt so innig mit ihmselbst zusammen, bei keinem ist die Gemeinschaft so wenig zufällig,bei keinem daher die Erinnerung so tief und lebendig. Bringt dem Un-empfindlichsten, bringt einem Solchen, der jedes andere Interesse alssein eigenes Steckenpferd für haaren Aberwitz hält, die eigenhändigenSchriftzüge eines jener grossen geistigen Agitatoren vor Augen, mitwelchen sie einst die Gedanken ihrer Zeitgenossen gelenkt, zeigt ihmauch nur den Namenszug eines der Gewaltigen, deren Rathschlussoder Degen das Schicksal der Welt bestimmt hat, er wird diese Reli-quien nicht ohne eine Mischung von Scheu und Theilnahme betrachtenkönnen. Ist es daher nicht des Schweisses der Edlen werth, sie vordem Untergänge in sichere Häfen zu bergen 2 ?

1. Morgenbl. 1812 Nr. 262.

2. v. Radowitz, Schriften I, 417.