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IV. Nutzen der Autographen.
Die Forschung der Autographen ist aber nicht allein ein Bedürf-niss für den Autographophilen, sondern auch für den Mann der Wis-senschaft geworden, dem diese Manuscripte Aufschlüsse bieten, dieer in Chroniken, Memoiren, Biographieen u. s. w. umsonst sucht.Wenn ein Schriftsteller dem Publicum ein Werk übergiebt, so stellt ernur zu oft die Thatsachen unter einem Gesichtspunkte dar, der seinemHasse oder seiner Neigung dient. Er kann seinen Styl schmücken, Le-ben in seine Gedanken hauchen, aber wenn er in Eile zur Feder greift,wenn er einen vertrauten Privatbrief schreibt, dessen Veröffentlichunger nie voraussetzt, dann erst spricht er ohne Vorbereitung, ohne Af-fectation, ohne Vorbedacht und das Herz zeigt sich da, um mit demAbbe Zanotti zu reden, nackt, wie es ist. Und so haben Männer vongrossem Verdienst mit Fleiss Autographen studirt und Sammlungengeschaffen, nicht um das Resultat ihrer mühseligen Forschungen mitdem Manuscripte vermodern zu lassen, sondern den Wissenschaftenzu nützen. Wem verdankt man z. B. die merkwürdigen AufschlüsseÜber das Privatleben der Fürsten , über die Intriguen der Grossen undGelehrten anders, als jenen Sammlern, welche die Originalschriftenihrer Kabinette vereinigten, retteten, austausehen und drucken Hessen 1 ?
1. Niemand hat grösseren Gebrauch von Autographen gemacht als Lamartine. Die in Paris befindlichen gewichtigen Sammlungen lieferten ihm Material zur Berichtigung von Irrthümern,in welche Geschichtschreiber der Revolution verfallen waren. Es gelang ihm, bedeutendes Lichtauf die schwebende Frage ?.u werfen: ob Robespierre auf sich selbst schoss im Hotel de Villeim Augenblicke der Festnehmung, oder ob er, wie man so oft versichert hat, zufällig durcheine andere Person verwundet ward. Letzteres scheint sich aus einem Briefe der Sammlungeines eifrigen Verehrers von Robespierre zu ergeben. Bekanntlich sass der Führer der Jaco-biner einige Zeit im Saale, ohne am Widerstaude gegen seine Feinde besonderen Theil nehmenzu wollen; er schien alle Energie verloren zu haben. Wenn er alle Sectionen auf einmal auf-geboten und sich an die Spitze gestellt hätte, wäre es ihm möglich gewesen, seine Gegner zuüberwältigen. Schwer brachte man ihn zum Handeln; endlich entschloss er sich, Befehle zuerlassen. Er fing eine Adresse an die Commune an und hatte den Theil beendet, der ihm ob-lag, war im Begriff, die Unterschrift beizufügen, als das Detachement in das Zimmer trat. Dieersten Buchstaben seines Namens waren geendet, die letzten verrathen eiue zitternde Hand.Aber dann musste er unterbrochen worden sein, und Blutflecken verwischten einige seinerSchriftzüge, Es ist etwas wahrhaft Sprechendes im Anblicke dieses Manuscripts, das, wennman es in Verbindung mit dem Gemache bringt, in welchem der Vorgang stattfand, 9 eineeigene Geschichte mit sich trägt.
Ein anderer Umstand ward durch einen Brief erhellt. Im Augenblicke, da Ludwig XVI. vom Schaffote das Volk anzureden wünschte, ertheilte man einen Befehl: die Trommeln unter-brachen den König und verhinderten, dass mau ihn hörte. Weil die, welche ihn zum Todeverdammten, keinen Befehl in dieser Hinsicht erlassen hatten, blieb die Verantwortlichkeit aufdem Befehlshaber der bewaffneten Macht, Santerre, haften. Die Royalisten beschuldigten ihneines willkürlichen Akts der UnmenschJichkeit und häuften Verwünschungen auf ihn. Er leug-nete die Wahrheit der Angabe , aber Niemand hörte auf ihn. Bei dem Verkaufe von Bourdillon’sAutographen ward ein Brief vom General Santerre veräussert, von 1802 datirt, an den BürgerChateauneuf adressirt, auf der Rückseite befanden sich einige Bemerkungen von Chateauneuf,