IV. Nutzen der Autographen.
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ähnlich, und jeder dennoch mischt eine Tinktur seiner Selhstheit bei—oder er piquirt sich bloss, nachzuahmen.“
„Aber die schönsten, regelmässigsten Schreiber sind oft die un-regelmässigsten Menschen.“ — Wie die besten Prediger — und den-noch würden die besten Prediger noch unendlich bessere Predigersein, wenn sie die besten Menschen wären. So die Schönschreiber. Siewürden noch edler, noch schöner schreiben, wenn sie zu ihren Talen-ten noch gerade so viel Herz hätten. Von einem gewissen Grade vonReinlichkeit und Regelmässigkeit, ich will nicht sagen: moralischer— zeugt eine reinliche, regelmässige Schrift immer.“
„Nichts weniger, als leere, gewagte Einbildung und Vermuthungist, was ich hier über die Handschriften sage. Mir ist’s tägliche Er-fahrungssache — wohl verstanden — nicht den ganzen Charakter,nicht alle Charakter— aber von manchen Charaktern viel — voneinigen aber wenig, lässt sich aus der blossen Handschrift erken-nen. Und ich will noch etwas beisetzen — das dem Lächler Freudemacht: Nichts demüthigt mich mehr, nichts deckt mir das schwache,unständige, gedehnte Wesen in mir so anschaubar auf — als — meineeigene Handschrift.“
Als Goethe für Selbstschriften denkwürdiger Männer eine Vor-liebe gewann, schrieb Lavater an ihn: „Je mehr ich die verschiedenenSchriften, die mir zu Gesichte kommen, mit einander vergleiche, destomehr bestärkt sich in mir der Gedanke, dass alle ebenso viele Aus-drücke oder Ausflüsse des Charakters der Schreiber genannt werdenkönnen; denn in dem Augenblicke, wo sie entstehen, sind sie die Re-präsentanten der Gedanken, und müssen daher den Zustand der SeeleDessen, der sie dem Papier anvertraut, wiedergeben.“
W. Dorow behauptet in Bezug auf Lavater’s Ansichten, dassauch er durch das Studium seiner Handschriftensammlung von derWahrheit der Lavater’schen Lehre sich vielfältig zu überzeugen Gele-genheit gehabt habe.
Ebenso hat Ungewitter die Lavater’schen Grundsätze adoptirt 1 .Ich lasse nun J. Chr. A. Grohmann’s „Untersuchung der Mög-lichkeit einer Charakterzeichnung aus der Handschrift“ 2 folgen, meiner
1. Hauptlehreu der Physiognomik. Ilmenau 18-30.
2. Vgl. rNSlQI SAYTON oder Magaz. zur Erfahrungsseelenkunde. Herausg. von K. Ph. Moritz u. S. Maimon. 9. Bd. Berlin 1792. S. 94 ff. Grohmann’s Abhandlung ist mit Aus-nahme einiger Auslassungen und weniger von einem der tüchtigsten Physiologen der Gegenwartauf meine Bitte vorgenommener Aenderuugen wörtlich mitgetheilt.