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IV. Nutzen der Autographen.
kann, so kann der Schönschreiber schlecht schreiben. Aber seineschlechte Schrift hat dennoch durchaus einen andern Charakter, alsdie des Schlechtschreibers, wenn er schlechter als gewöhnlich schreibt.Seine schlechte Schrift hat dennoch etwas von dem Charakter seinerSchönschrift, und die schlechte Schrift des Schlechtschreibers etwasvon dem Charakter seiner bessern Schrift.“
„Dem möchte aber auch sein, wie man wollte, so würde dieseVerschiedenheit der Schrift eines und desselben Menschen kein Beweiswider die Bedeutsamkeit der Handschrift, sondern vielmehr ein klarerBeweis dafür sein. Denn eben aus dieser Verschiedenheit erhellet,dass sich die Handschrift eines Menschen nach seiner jedesmaligenLage und Gemüthsverfassung richte. Derselbe Mensch wird mit der-selben Tinte, derselben Feder, auf demselben Papiere seiner Schrifteinen andern Charakter geben, wenn er heftig zürnt — und wenn erliebreich und brüderlich tröstet. Wer will’s läugnen, dass man’s nichtoft einer Schrift leicht ansehen könne, ob sie mit Ruhe oder Unruheverfasst worden? ob sie einen langsamen oder schnellen, ordentlichenoder unordentlichen, festen oder schwankenden, leichten oder schwer-fälligen Verfasser habe? Sind nicht überhaupt beinahe alle weiblicheHandschriften weiblicher, schwankender, als die männlichen ? Je mehrich die verschiedenen Handschriften, die mir vor die Augen kommen,vergleiche, desto sicherer werd’ich, dass sie physiognomische Aus-drücke , Ausflüsse von dem Charakter des Schreibers sind. Dies wirdschon dadurch einigermassen wahrscheinlich, weil jede Nation, jedesLand, jede Stadt, im Ganzen genommen, bei aller inneren himmelwei-ten Verschiedenheit, dennoch einen eben so leicht merkbaren Haupt-charakter im Schreiben hat, als es ihre Physiognomieen und Bildungenüberhaupt haben. Dies mag Jeder wissen, der weitläuftige Correspon-denz hat. Und wenn er nur wenig Beobachter ist, wird er oft aus derblossen Addresse (ich meine nicht bloss dem Style der Addresse, derfreilich mehrmals, wie die blossen Aufschriften der Bücher, auch sehrentscheidend von dem Charakter ihres Verfassers zeugt), ich meine,aus der blossen Handschrift der Addresse, auf den Charakter desBriefstellers schliessen können.“ —
„Alle Nationen beinahe, alle Städte haben Nationalhandschriften?— So wie sie Nationalgesichter haben — davon jedes was vom Cha-rakter der Nation hat, und dennoch jedes von jedem so verschiedenist — so mit den Schülern desselben Schreibmeisters! Alle schreiben