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Handbuch für Autographensammler / bearbeitet von Dr. Joh. Günther und Otto Aug. Schulz ; mit Holzschnitten und einer colorierten Tabelle
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IV. Nutzen der Autographen.

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Jeder Mensch hat nach seinem inneren Charakter auch etwasäusserlich Charakteristisches, äusserlich Auffallendes, Kontrastirendes,Unzusammenstimmendes. Goldmacher, Mystiker, Apokalyptiker lasstsie ruhig bei ihrem Kruge Bier hinterm Tische sitzen, und wer kenntsie schon da nicht an der verdrehten Form ihres Hutes, den schielen-den Blicken ihres Auges, dem schiefen Sitzen ihres Kopfes und Halses?

Wie viel Charakteristisches liegt nicht allein in der Form unddem Sitzen des Huts! Jedes Temperament hat einen eigenen Schnitt,eine eigene Art, ihn zu tragen: mit dem Sanguiniker ist er sangui-nisch , mit dem Renommisten renommistisch, mit dem Geistlichengeistlich, dem Denkenden denkend und mit dem Phlegmatischen phleg-matisch. Der Renommist lässt die Seitenspitzen desselben auf seinebreiten Schultern herabhangen und die Vorderspitze, die sich kolbigzu den zwei Seitenmauern hinbiegt, rund und schier nach dem Himmelsteigen. Der sanguinische Geniemacher kneipt die Spitzen des Hutesklein, lässt die Vorderspitze wie ein Schiff sich über das Auge hinstre-cken, den Hut selbst vorn auf der Nasenwurzel ruhen und hinten indie Höhe steigen.

Der Handwerksbursche, der des Sonntags auf sein Bierhaus geht,lässt die Hinterkrempe auf dem Zopfe auf- und niederschlagen und wieeine Flagge hin- und herwehen. Manchen Reisenden Bettler, fragtnur diesen, seine Charakteristik trügt ihn gewiss nicht, wenn er Je-manden mit auf ein Auge gesetztem Hute und schleichenden Schrittenherbeikommen sieht.

Der Sanguiniker, Choleriker, Böotier, jeder trägt seinen Arm,seine Hände anders, schwenkt sie, hebt sie, giebt sie anders. Der sichselbst genügsame Phlegmatische, der ebenso wenig Stärke in seinemKopfe als in seinem Körper hat, lässt seine langen Hände an den Hüf-ten herunterbaumeln. Der gichtische Hektiker schwenkt sie in tausendZuckungen um seinen Kopf herum. Der handfeste Renommist drängtseine Hand und Finger in einem Knoten zusammen, um so seine Stärkein einem Punkte concentrisch zu fühlen.

Wie der Kopf, so der Fuss und der Fuss wie der Kopf. KeinMensch geht mit dem anderen gleich, so wie keiner dem anderen ganzgleich ist. Der Phlegmatiker nimmt sich gern, wie er sagt, bei sei-nem Spaziergange Zeit; der Sanguiniker, um sich Motion zu machen,läuft beim Spazierengehen Botschaften, der Böotier aber geht seinenangefangenen Schritt fort, d. h. einen derben, tactmässig langsam sich