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Handbuch für Autographensammler / bearbeitet von Dr. Joh. Günther und Otto Aug. Schulz ; mit Holzschnitten und einer colorierten Tabelle
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IV. Nutzen der Autographen.

Dies kann aber durchaus nicht in der Buchstabenmalerei, in den klei-nern oder grossem, vernachlässigten oder verschönerten Schriftzügengesucht werden, weil da hundert Erziehungs- und Amtsverhältnissedas oberste Gesetz sein konnten. Aber es giebt noch ausserdem soManches in der ganzen Anordnung oder im Habitus der Schrift, auswelchem, wer früh darauf achtete und häufige Veranlassung dazu fand,allerdings manche fast untrügliche Muthmassungen auch über den Geist,der so zum Buchstaben wurde, zu wagen sich oft bewogen findet. Dieganze Sache, deren weitere Ausführung nicht für diesen Ort gehört,verdiente indessen wohl noch von einem Schriftgelehrten anderer Art,als die in unsern Sonntags-Perieopen so oft Vorkommen, zur Spracheund näheren Prüfung des Publikums gebracht zu werden.

Aus diesem Gesichtspunkte betrachtet, erhalten denn auch diesogenannten Autographa berühmter Männer einen physiognomischenWerth.

Struves Ansichten über Chirographignomik sind folgende 1 :Esist eine uralte Bemerkung, dass man aus der Handschrift eines Men-schen auf sein Alter, Geschlecht und einige hervorstechende Gemüths-Eigenschaften schliessen könne, aber man hat dieser allgemeinen Be-merkung, die so viel Wahres enthält, wenig Aufmerksamkeit geschenkt,Vielleicht ist indess jetzt ihre Zeit gekommen, um sie als eine eigeneKunstwissenschaft zu bearbeiten, so dass sie sich kühn neben GallsSchädellehre hinstellen kann. Je mehr wir äussere Merkmale zurKennt-niss des inneren Menschen auffinden, desto mehr muss die Menschen-kunde gewinnen, und man wird künftig nebst seinem Schädelkabineteine Handschriftssammlung von interessanten Menschen bereit haben,die man sich noch leichter verschaffen kann; sie wird sogar ein Hülfs-mittel zum Studium der Geschichte werden. Aus den Handschriften be-rühmter Männer voriger Jahrhunderte wird der Kritiker die Autoritätendes Geschichtsforschers prüfen. Ein Empfehlungsschreiben (verstehtsich manu propria) dürtte eben so wichtig als eine Schädel-Präsentationdes Bittstellers sein. Von denen Subjecten, die sich aus der Ferne zueiner Stelle melden, wird man künftig nicht nur einen Gipsabdruck desSchädels, sondern auch die beiliegende eigenhändige Handschrift ver-langen, zu deren Prüfung in den Collegien eigene Deputationen nie-dergesetzt werden dürften. Welche grossen Kenntnisse sind nicht un-seren Nachkommen auf behalten! Dann wird man ebenso bequem und

1. Der Freimüthige. Dec. 1805. No. 247. S. 570 f.