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Handbuch für Autographensammler / bearbeitet von Dr. Joh. Günther und Otto Aug. Schulz ; mit Holzschnitten und einer colorierten Tabelle
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IV. Nutzen der Autographen.

Jede Stimmung des Gemüths, in der wir einen Aufsatz entwerfen, ver-räth sich in den Sehriftziigen. Mit einiger Aufmerksamkeit erkenntman in einem Briefe diejenigen Stellen vor andern an der Schrift, inwelchen sich gleichsam die ganze Seele ausgedrückt hat. So sind dieSchriftzüge in einem Trauerbriefe an der Stelle, bei welcher der Brief-steller am meisten fühlte, besonders ausgezeichnet. So ist ein Aufsatz,den wir mit grosser Geistesanstrengung niederschreiben, in ganz an-deren Sehriftziigen ausgedrückt, als ein solcher, den wir mit wenigMühe und oberflächlich entwerfen. Diese Bemerkungen gelten jedochnur von solchen Schreiben, die ganz unbefangen zum eigenen oder zuunserm vertrauten Freunde Gebrauch abgefasst werden, wobei wir unsnicht bemühen, schön zu schreiben, sondern nur in der Absicht, unsereGedanken aufs Papier zu bringen, eben so wenig stellt das, was abge-schrieben oder mit einiger Mühe copirt wird, ein treues Bild der Seeledes Schreibenden dar.

Ein Referent ( Y MA) der Jenaischen Allgemeinen Literatur-Zei-tung 1 lässt sich vernehmen:Wenn es seine Richtigkeit hat mit derKunst, die zu besitzen Lavater sich rühmte und die noch ganz neuer-lich Hr. v. Tscharner, Lavaters Landsmann, in Freiburg nicht ohnebewunderten Erfolg geübt hat, mit der Kunst, aus jeder Handschrift, dievorgelegt wird, die auffallendsten Charakterzüge desjenigen, von demsie herrührt, fast jedesmal richtig anzugeben: so kann es wohl keinemZweifel unterworfen sein, dass jedes Individuum auch etwas Charak-teristisches in seiner Handschrift haben müsse und dass es, vermögeseines Charakters, nur so und nicht anders schreiben könne. Nun be-stehen Nationen aus einer Menge Individuen, die bei aller ihrer sonsti-gen Verschiedenheit doch nur ebenso viel Nüancen eines Hauptzugesdes Nationalcharakters sind. Es wird sich daher auch, nach der obi-gen Voraussetzung, in der Handschrift eines jeden Individuums dieserNation ein Zug, eine Schreibmanier oder sonst etwas entdecken lassenmüssen, welches die ganze Nation charakterisirt, so wie es von ihremCharakter ausgegangen ist. Wie viele Nationen bedienen sich des la-teinischen Alphabets zu ihrer Schrift, wie ganz anders aber nimmt essich bei jeder aus, wenn es mit Freiheit behandelt und wirklich natio-neil gehandhabt wird! Und wenn wir unsere Schrift einige Jahrhun-derte hei ab verfolgen, so ist bei der verschiedensten Bildung der Buch-staben, die immer nur in der Art, sie zu bilden, etwas Wesentliches hat,

1. 1807. No. 186.