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Handbuch für Autographensammler / bearbeitet von Dr. Joh. Günther und Otto Aug. Schulz ; mit Holzschnitten und einer colorierten Tabelle
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IV. Nutzen der Autographen.

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durchaus der Charakter der Nation durchscheinend, nur bald mehr,bald weniger kräftig herausgehoben. Besonders wird es in dem, wasman zu verschiedenen Zeiten in dieser Hinsicht schön gefunden, vordie Augen treten und neben dem Geiste der Zeit auch der Geist desVolks sich offenbaren. Wie deutlich spricht sich nicht, um sich nichtaus der Nähe zu entfernen, die Langeweile und der Müssiggang in denmönchischen Verzerrungen und Verkünstelungen und die Pedanteriemit aller ihrer Steifheit in den Vorschriften aus, die vor 60 Jahren un-gefähr als Muster der Schönschreibekunst galten, obschon unverkenn-bar nur als Zumischung zu dem Grundzuge der Trägheit, der an allemdeutschen Wesen haftet. Und schreibe auch eine Nation in einem Alpha-bet, in welchem sie wolle, sie wird ihm beim Gebrauch immer ihreSchönheit leihen, immer ihren Charakter unterlegen. Man hat zuwiederholten Malen den Versuch gemacht, die Züge ausgestorbenerSprachen im Druck ihrem ächten Charakter, vielleicht gar ihrer ur-sprünglichen, alterthümlichen Gestaltung und Verbindung näher zubringen, aber die Mittel hierzu waren wohl nicht immer am glücklich-sten gewählt. Man liess sich hierbei durch Handschriften, von denenman mit Grund voraussetzen konnte, dass sie sorgfältig geschriebenwaren, leiten, entnahm ihre Züge und verpflanzte sie in unsere Zeit.Aber somit hatte man nichts für das eigentlich Charakteristische derSchreibart gewonnen; die Handschriften waren von fremder Hand ge-schrieben und hatten sich also auch nach einem fremdartigen Charak-ter bilden müssen; dazu waren die Formen der Buchstaben und ihreVerbindung aus einer so geschmacklosen Zeit, dass sie mehr zumEntfernen von der alten Aechtheit, als zur Annäherung an dieselbe die-nen konnten. Ein drückendes, unbehülfliches Weseii blieb immersichtbar.

Lavaters Behauptungen griff darauf ein Ungenannter wieder aufund versuchte sie in einer besonderen Schrift 1 darzulegen. Er sprichtnur von ecritures, leducation na fait ni trop, ni trop peu, quipeuvent etre regardees pour ainsi dire comme naturelles, bemerkt vor-erst, wde leicht die Verschiedenheit der männlichen und weiblichenHandschriften zu erkennen sei, da die letzteren weniger force, fermeteund hardiesse zeigten, wie deutlich der Genius der Nationen sich in

1. Lart de juger du caractere des frommes sur leur ecriture, avec 42 planches, represen-tant ies ecritures de diverses personnes celebres, gravees dapres Ies originaux autograpfres. Par