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IV. Nutzen der Autographen.
der Sprache, dem Gange und der Handschrift der meisten Menschen.So viel ist gewiss, eine hesondre Disharmonie findet sich nicht leicht.Schwerlich wird man einen Menschen finden, der schreibt, wie wenndie Buchstaben Reissaus nähmen, dagegen kleinlaut und silhenzählendspricht, und so bedächtig einherschleicht, als oh er lürchtete, mitjedemSchritte in einen Dorn zu treten oder eine Sensitive zu berühren.
Ausgezeichnete Leichtigkeit und Gewandtheit im Schreiben ist einBeweis von Gewandtheit überhaupt, wäre es auch nur im Mechanischen.Solche, die eine besondere Fertigkeit besitzen, allerlei Hände zu copiren,haben, wo nicht viel Savoir faire, doch überhaupt viel Nachahmungs-talent und Geschick zu allerlei Künsten und Künsteleien.
Eine originelle Hand lässt eben nicht auf originellen, doch ziemlichsicher auf nicht gemeinen Charakter scliliessen. Sie ist beim weiblichenGeschlechte weit seltener als beim männlichen.
Viel Veränderlichkeit in der Handschrift deutet auf wandelbareSinnesart. Wessen Handschrift bald stehend, bald fliessend, bald rund,bald eckig, unregelmässig, deutlich, zierlich, dann kritzlich, verworrenund geschmacklos ist, der gleicht dem Farbe und Gestalt wechselndenProteus, ist, wo nicht launisch, doch unfester, leicht beweglicherSinnesart.
„Kleinliche Schrift, kleinlicher Charakter“ wäre freilich so wahrund unwahr als „kleiner Kopf, kleiner Verstand.“ Indess verträgt sichauch die Kleinlichkeit in diesem Punkte eben so wenig wie jede ande-re mit grosser Lebhaftigkeit und Freiheit des Geistes. Ungewissheit,Aengstlichkeit, Zagheit verrätli sich vorzüglich durch unkräftig-winzigeBuchstaben, die Eitelkeit durch zierlich kleine. Und liebt sie in derRegel nicht das schöne, aber schwache Geschlecht?
Nichts merklicher aber in der Handschrift, als Affectation. Hierzeigt sich die lebhafte Unbeholfenheit, die leicht thut, die Gemeinheitmit vornehmer Miene, Schülerwesen in Pedantenkostüm u. s. w. Mansehe die Schrift des angehenden Kanzlei-Scribenten oder Ladendieners:groteske Buchstaben, Schweifungen und Züge, welche die ungeübteHand verratlien, die eben dadurch als eine geübte, meisterlich, sichmachen will. Die aflectirende Eitelkeit zeigt sich oft und ganz vorzüg-lich, zumal bei Mädchen, durch (übel angebrachte) Verzierungen dergrossen Buchstaben. Solche Schnörkel sind wahre Koketterie, wo sienicht noch etwas Schlimmeres bedeuten, nämlich Caprice. Die Hand-schrift der Königin Elisabeth wäre hier ein vollgültiger Beleg.