IV. Nutzen der Autographen.
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Es giebt eine Kanzleiscbrift, sowie einen Kanzleistyl der Liebe.Sie ist besonders elegant, wie die eigentliche sogenannte Kanzleischrift,aber nicht gross, prächtig und prunkend, wie diese, vielmehr klein,fein, säuberlich, niedlich, mit Einem Worte, nett. So schreiben Ver-liebte auf superfeines Papier, mit goldenem Schnitt, in Octav odernoch kleinerer Form. Wie die Liebe wundersam den ganzen Menschenumgestaltet, so verwandelt sie auch seine Handschrift; oft macht sieaus dem unordentlichsten Klecker den zierlichsten Scribenten.
Einer meiner Freunde, ein wahrer Sudler, fing auf einmal an,äusserst niedliche Briefchen zu schreiben, bald folgte das Geständniss,er liebe und werde geliebt. Drei Jahre währte der Wahn, der ihn über-aus glücklich, aber zuletzt auch unaussprechlich elend machte. Kaumdass sich der Roman zu seinem Unglück entschied, so fing er wiederan zu sudeln, wie vorher.
Jede Thätigkeit, sowie jede Stimmung des Geistes modificirt denMechanismus des Schreibens so oder anders. Ohne Zweifel wird Man-cher die Erfahrung gemacht haben, dass die Buchstaben mehr stehenoder liegen (fliessen), jenachdem er etwas schreibt, wobei mehr der Ver-stand oder mehr die Einbildungskraft thätig, wie auch, jenachdem dasSpiel seiner Einbildungskräfte mehr oder weniger gehemmt ist. Beigrosser Bedächtigkeit und Anstrengung neigen sich wol gar die Buch-staben, als ob sie sich sträubten, hinten über; bieten sich hingegendie Ideen von selbst dar, gleich wird die Schrift flüchtiger, und wennsie schnell oder in Menge Zuströmen, so fliessen wol Sylben, ja ganzeWörter wie Striche hin. Demnach lässt sich behaupten, die Schrift desPhilosophen oder auch des eigentlichen Gelehrten sei mehr stehend,mehr gedrängt, weniger leicht und frei, als die Schrift des Dichters.Schwerlich wird man einen Dichter finden, welcher schreibt wie z. B.Heyne, dessen Handschrift man es ansieht, dass er in seinem Lebenwol ebensoviel griechische Buchstaben als deutsche gemacht habe. Eswäre beiläufig sehr zu wünschen, dass uns mit den Bildnissen gelehr-ter und überhaupt ausgezeichneter Männer zugleich die Copie ihrerHandschrift, wäre es auch nur in der Unterschrift ihres Namens nachihrer Hand, mitgetheilt würde, wiewohl ihre Manuscripte selbst un-streitig noch weit mehr Stoff zu interessanten Bemerkungen geben.Der Brouillon mancher Autoren würde uns mit der eigentlichen Physio-gnomie ihres Geistes besser bekannt machen, als alle ihre gedruck-ten Werke.
Günther , Handbuch f. Autoqraphensammler . B