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Handbuch für Autographensammler / bearbeitet von Dr. Joh. Günther und Otto Aug. Schulz ; mit Holzschnitten und einer colorierten Tabelle
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IV. Nutzen der Autographen.

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liehe Gesicht gebildet ist. In beiden zeigt sich die durchdringende Ge-walt unserer Wesenheit.

Auch W. v. Humboldt äussert, dass die Handschrift immer et-was sehr Charakteristisches an dem Menschen sei.

K. Falkenstein fragt 1 :Des Menschen Sinn und innerstes Le-ben malt sich nicht blos in den Formen des Angesichts, in dem Spieleder Mienen und in dem Blicke des Auges, diesem geheimnissvollenSpiegel der Seele, aus, obwohl diese unstreitig die deutlichste Kundevon ihm geben, es olfenbart sich auch in Stellung, Gang und Ge-berde, in Allem, -was der Mensch und wie er es thut: warum nichtauch in der Führung der Hand auf dem Papiere?

Der Altvater Goethe schrieb unter dem 30. April 1820 an K.Preusker 2 , welcher ihn über die Frage, ob aus den Schriftzügen aufden Charakter des Schreibenden zu schliessen sei, um sein Urtheil ge-beten hatte:Dass die Handschrift des Menschen Bezug auf dessenSinnesweise und Charakter habe, und dass man davon wenigstens eineAhnung von seiner Art, zu sein und zu handeln, empfinden könne, istwohl kein Zweifel, so wie man ja nicht allein Gestalt und Züge, son-dern auch Mienen, Ton, ja Bewegung des Körpers als bedeutend, mitder ganzen Individualität übereinstimmend anerkennen muss. Jedochmöchte wohl auch hierbei mehr das Gefühl als ein klares BewusstseinStatt finden; man dürfte sich wohl darüber im Einzelnen aussprechen,diess aber in einem gewissen methodischen Zusammenhänge zu thun,möchte kaum Jemand gelingen.

Indessen da ich selbst eine ansehnliche Sammlung Handschriftenbesitze, auch hierüber nachzudenken und mir selbst Rechenschaft zugeben oftmals Gelegenheit genommen, so scheint mir, dass ein Jeder,der seine Gedanken auf diese Seite wendet, wo nicht zu fremder, dochzu eigener Belehrung und Befriedigung, einige Schritte thun könne,die ihm eine Aussicht auf einen einzuschlagenden Weg eröffnen.

1. Dresdner Album (herausgeg. von Elfriede v. Mühlenfels). Dresden 1847. gr. 8.8. 76 f.Für den Historiker könneu dergleichen Sammluuge», wenu sie, nach einem grösser»Plane, mit Urtheil und Kritik angelegt werden, zur Special-Geschichte der Sitten, Cultur ,Denk- und Handlungsweise der verschiedenen Völker und Zeit-Epochen manche bis dahin nochunbenutzte Quelle eröffnen, während dem sie, nur vom Zufall zusaramengehänft und dem Macht-gebot der TyranniuMode folgend, zur blossen Curiositat herabsinken, wo sie daun auf demNippes-Tische der eleganten Dame neben dem Album von Aquarellen und Handzeichnungen aucheineCollection dAutographes in fashiouabler Maroquin-Mappe blos zura Gegenstände momen-tanen Zeitvertreibs zu dienen bestimmt scheinen. Das. S. 74 f.

2. Abendztg. herausgeg. von Th. Hell 1803 No. 18.

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