IV. Nutzen der Autographen.
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„Sind die Buchstaben rund, so ist der Schreiber derselben mehroder weniger ein Pestalozzi, er trägt den Hut auch wol ein Jahr län-ger, als dieser eigentlich seinem Alter nach zu tragen fähig ist; ver-einigen sich mit diesem runden Ductus auch noch hin und wieder Dinte-kleckse, so darf man dreist annehmen, dass der Schreiber derselben instaubigem Rocke und ungewichsten Stiefeln gern zu gehen pflegt; istder Zug mehr natürlich, so deutet dies auf Zufriedenheit, auf Entfernt-sein von allem Abenteuerlichen.“
„Ist der Buchstabe dagegen gekünstelt, so gibt der Autor dessel-ben mehr auf die Schale, als auf den Kern; je dicker der Buchstabe,desto weniger Gefühl fürs Schöne.“
„Wer die Buchstaben zu fein formt, gefällt sich in Kleinigkeiten.“„4) Ist die Schrift gedrängt, hie und da mit Abkürzungen, sodeutet das auf Raschheit, auf Gedankenfülle; ist sie gedehnt, auf Lang-samkeit, meist verbunden mit Besonnenheit.“
„Wer die Zeilen nahe zusammenrückt , ist in der Regel haushäl-terisch, hält das Seine zu Rathe, im Gegentheile bestätigt sich dasGegentheil.“
„5) Ist die Schrift reinlich, so lässt dies, wie schon oben kurz an-gedeutet , mit Bestimmtheit auch auf Sinn für Ordnung im praktischenLehen schliessen; wer indessen in der Schrift kleckst, der kleckst auchim Lehen, hält nichts auf Anstand, bei ihm sind alle Menschen gleich,und deshalb genirt es ihn nicht, auch mal im blauen Oberrock inmit-ten der Fracke zu erscheinen; in der Liebe macht er kein Glück.“
„ 6) Das Einmischen von lateinischer Schrift gibt einen Anstrichvon Gelehrsamkeit, daher der Autor solcher Schrift auch im Leben gerngelehrt thut; durchaus lateinische Schrift findet man seltener, mitunterbei Gelehrten, auffallend häufig bei Astronomen und Naturforschern;solche Gelehrte lieben das Sonderbare, das Auffallende, das Grübelnund Denken.“
,, 7) Sind die Züge zaghaft, so zeigt sich der Schreiber derselbenauch im Leben scheu, wenig für die Welt passend, nicht unternehmend.Wir wollen jedoch nicht zu bemerken vergessen, dass derartige Schrifthäufig auch eine Folge des Alters ist, oder auch in Folge einer beson-dern Geistesrichtung einen kränkelnden Anstrich erhält.“
„Geistreich-schwunghafte Züge sind der Ausdruck des Unterneh-menden, des Idealen, zeigen von Phantasie, die Wirklichkeit hat fürsie keinen Reiz, ihnen ist das Reich der Träume; man erkennt übrigens