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IV. Nutzen der Autographen.
auf den ersten Blick, ob dieses Schwunghafte auch Geist verräth, oderob der Autor nur Kartenhäuser baut.“
„8) Bei Beurtheilung einer Schrift ist nicht zu übersehen, welchenEindruck das ganze geschriebene Blatt auf uns macht, ob sie das Ge-präge eines verworrenen, oder ruhigen, oder idealen, oder trivialenCharakters an sich hat. Dieser Totaleindruck gibt uns auch den Haupt-charakter des Schreibenden, und man hat nur noch die einzelnen Ei-genschaften aufzusuchen und zu erklären. Wir fühlen das sehr wohl,ob in der Schrift Würde, oder Flatterhaftigkeit, ob Heiterkeit, oderNiedergeschlagenheit vorherrschend sind. Dasselbe gilt auch von ein-zelnen Wörtern.“
,,9) Nicht zu übersehen ist der scheinbar unwichtige Umstand, obder Schreibende Dinte ausgespritzt und demzufolge eine spitzige Federhatte; in der Regel sind hier spitzige Züge vorherrschend. Es zeigtdies nicht selten Kampflust, Sinn für Kritisiren an. Es versteht sichwol von selbst, dass man aus den übrigen Eigenschaften der Schriftschliessen muss, ob der Schreibende auch die geistige Befähigung hat,oder ob doch das Ausspritzen der Dinte zufällig ist.“
„10) Zuletzt ist darauf zu achten, ob einzelne Wörter geradeoder schief geschrieben sind; auf das Schiefe ganzer Linien kommt esweniger an. Ersteres zeigt an, dass der Schreibende mit seinen Ge-danken schon weiter vorangeeilt, dass er rasch ist in seinen Arbeiten,manchmal übereilt.“
„Ausserdem hat man noch zufällige Umstände, wenn solche vor-liegen, in Berathung zu ziehen.“
„Die Handschriften der Frauen verlangen eine eigne Besprechung.Man unterscheidet sofort die Züge einer Frau von denen eines Mannes.Im Allgemeinen findet man nicht so viel Verschiedenartiges bei Frauen-handschriften, wde bei denen der Männer und nur dem mehr Einge-weihten enthüllen sich auch hier diese feineren Nuancen. Bei allenFrauen, die der gebildeten Classe angehören, findet man fast immerdenselben Ductus; nur in seltenen Fällen stossen wir auf Ausnahmen.“„Die Schriftstellerinnen machen in der Regel eine Ausnahme;ihre Züge gehen mehr ins Männliche über, jedoch erkennt man stetsdas Weiche, das Sanfte. Etwas mehr auffallend ist es schon bei Schrift-stellerinnen, die sich mit ernsten Wissenschaften befassen. Fast über-all finden wir bei Frauen eine kleine Handschrift, den Sinn fürs Häus-liche, wde w ir dies bereits oben bei den männlichen kleinen Handsehril-