Vom Wesen des Autographen.
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dringen in den Geist des Dichters, ein besseres Verstehen seinesliterarischen Schaffens als jede noch so eingehende Lektüre desgedruckt vorliegenden Werkes. Mit einer gewissen Ergriffenheitläßt der pietätvolle Sammler die Weihe auf sich wirken, welcheein Gedicht, ein Brief oder eine Urkunde mit dem eigenhändigenNamenszuge eines Großen dieser Erde ausstrahlt, einen Zauber,der einer noch so fein-säuberlichen Abschrift, einem Erst- odergar Luxusdruck niemals innewohnen kann: hier kalte, nüchterneGleichförmigkeit, Schema, Allgemeingut — dort persönliches An-denken, einziges Exemplar, Einzelbesitz. Erstausgaben, Por-zellane, Münzen, Briefmarken — mögen sie noch so selten sein —tauchen in derselben Ausführung und unter der nämlichen Be-zeichnung immer wieder auf. Trotz ihrer hohen Preise (im Jahre1904:1950 Pfd.Stlg.) stellt z. B. die alte Mauritiusmarke, 1 Penny, rot,kein „Unikum“ dar, denn dieser und jener begüterte Philatelistverwahrt immerhin ein Exemplar dieser seltenen Marke 1 ).
Ganz anders verhält es sich bei den Autographensammlern.
Lenaus Werke füllen in Tausenden von Abdrücken die Bücher-schränke von Literaturfreunden — sein Gedicht „Mein Herz“,die letzte Äußerung seines herrlichen Geistes, bevor er in ewigeNacht versank, verwahre ich von seiner eigenen Hand in meinerSammlung. Dieser Brief von E. T. A. Hoff mann an Jean Paul mit dem Eingeständnisse des großen Einflusses, den dieser Dichterauf den Berliner Kammergerichtsrat ausgeübt hat, ist in der ganzenWelt nur in einem Exemplar vorhanden, und das gehört mir.Jenen Brief der Königin Luise , mit dem sie teilnahmsvoll denGeneral Rüchel auf ihrer Flucht erfreut, niemand kennt ihn, ichbesitze ihn. Jene Urkunde mit dem stolzen Namenszuge „Fried-
*) Bei der Versteigerung der Briefmarkensammlung Ferraris de laRenautidres in Paris (April 1922) erzielte eine Marke aus Englisch -Guyana , schwarz auf karmesin, gestempelt 1856 , einen Preis von300000 Franks. Hierzu kamen noch die ziemlich hohen Unkosten, sodaß der Preis dieser Briefmarke 352000 Francs betrug. Auf dem Vier-ten internationalen Briefmarkenhändlertag in München (Mai 1922) wurdenfür eine blau-blaßrote rumänische Marke von 1858 151 000 M. bezahlt.