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Erstes Kapitel.
ihm nicht bekannt. Andr6 führte Weber an den Schrank, der denwertvollen Inhalt barg, entnahm ihm eine der Partituren undüberreichte sie seinem Gaste.
„Was ist das?“ fragte Weber erstaunt.
„Nichts Besonderes — nur eine Sonate von Mozart.“
„Was soll ich mit der bloßen Abschrift?“
„Keine Abschrift, Meister,“ rief Andrd, „Mozarts eigene Hand-schrift!“
Da durchzuckte es Weber wie ein jäher Schreck. Er legte diePartitur langsam auf den Tisch, beugte das Knie, drückte Lippenund Stirn auf die Blätter, betrachtete sie dann feuchten Augesund reichte sie Andr£ mit den Worten zurück:
„Wie glücklich ist das Papier, auf dem seine Hand geruht hat!“
Als Karl Theodor Gaedertz , dessen Lebenswtrk seinemLandsmanne Fritz Reuter galt, zum ersten Male das Manu-skript von Reuters „Ut mine Strc-mtid“ erblickte, überkam ihn,wie er erzählt, „ein heiliger Schauder, eine Wonne sondergleichen,noch nie in dem Grade empfunden“. Er stand davor „andächtigund erwartungsvoll wie im Dom vor einem Altarschreine, dessenFlügeltüren noch verschlossen sind“.
Im Mozarthause in Salzburg ist ein „Mozartalbum“ aufgelegt,welches den feuchtfröhlichen Jos. Victor von Scheffel zufolgender Widmung begeisterte:
„Kindlich naiv, in zartkräftiger Harmonie der Töne der Offen-barung des Göttlichen auf unserem Planeten näher gekommen alsviele hochgefeierten Weltweisen, hat unser Wolfgang Amadeus seine Zeitgenossen nur erfreut und gerührt, nie verdrossen und niegelangweilt.
Heil jedem Künstler, der also die irdische Wallfahrt zu Gottvollendet!“
Vielfach gestattet das Autograph einen Einblick in das ge-heimnisvolle Weben der dichterischen Inspiration. Wie der Poetentwirft und verwirft, feilt und glättet, kurz: seine ganze Ge-dankenarbeit zeigt sich im Autograph (Abb. 1); darum ermöglichtdas Studium einer solchen Originalhandschrift ein tieferes Ein-