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Erstes Kapitel.
Gefühlswerte, die der Urhandschrift innewohnen. Weder hat derBlick des Urhebers auf dem Faksimile geruht, noch hat es seineHand berührt; daß die geschickt hergestellte Nachbildung dieSchriftzüge widerspiegelt, ist für den Sammler nur ein schwacherTrost! Dennoch ist das Studium einer gut reproduzierten Auto-graphensammlung für den Anfänger unerläßlich. Er lernt beob-achten; er gewinnt einen Einblick in die Mannigfaltigkeit schrift-licher Äußerungen berühmter Persönlichkeiten; er lernt die ver-schiedensten Handschriften lesen. Manchem Handschriftensammler,z. B. Stefan Zweig , ist aus dem Studium und der Nachzeichnungvon faksimilierten Dichterhandschriften der Wunsch erwachsen,diese und andere Autographen im Original zu besitzen, ein Ver-langen, das er nachher in die Tat umsetzte.
Übung im Handschriftenlesen ist für jeden Sammler erforderlich,weil es selbst für den kundigen Sammler einen Wermutstropfen imBecher seiner Sammelfreude bedeutet, wenn er Autographen undAutographenstellen nicht enträtseln kann. Ich habe schon mehr-fach eigenhändige Briefe des Fürsten Leopold von Anhalt- Dessau besessen und sie jedesmal wegen ihrer schweren Lesbar-keit weitergegeben. Briefe, die Napoleon Bonaparte als Generalund erster Konsul schrieb, sind leidlich lesbar; seine Handschriftals Kaiser ist kaum zu entziffern. Den Rekord der Unlesbarkeitder Briefe aber schlagen König Friedrich Wilhelm I., KöniginFriderike Luise, die zweite Gemahlin von König Friedrich Wilhelm II. , König Wilhelm I. von Württemberg, Blücher ,General Manteuffel u. a. Von den Heerführern des Dreißig-jährigen Krieges ganz zu schweigen!
Bei der Veröffentlichung von literarisch oder geschichtlich be-deutsamen Briefen unterbleibt in der Regel die Adresse auf demBriefumschlag; der Herausgeber begnügt sich mit der Aufschrift:„An Cotta“, „An Amalie Schoppe “, „An Anastasius Grün “ usw.Die Vergleichung mit den Originalbriefen fördert auch hier Miß-verständnisse und Ungenauigkeiten zutage. Viele Briefe Goethes,namentlich solche buchtechnischen Inhalts, galten lange Zeit alsan Cotta gerichtet; sie hatten aber den Faktor Reichel zum Adres-