Vom Wesen des Autographen.
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Urheber möglichst schnell und eingehend zu unterrichten suchen.Während sich für den jungen Sammler mit den Namen Böcklin ,Brahms , Edison, Stifter usw. vielfach nur unklare Begriffeverbinden, gewinnen diese Namen sogleich Leben, wenn sie unterden dem Anfänger etwa zugeflossenen Autographen prangen.Rasch werden die einschlägigen Hilfsmittel, Wörterbücher, Kunst-oder Literaturgeschichten usw., eingesehen, und mit der Zeitverfügt auch der Sammlernovize über einen ansehnlichen Schatzvon literarischen und geschichtlichen Kenntnissen, die sich er-weitern und vertiefen, wenn er auch den Beziehungen des Ur-hebers zu dem Adressaten nachgeht. Unbewußt eignet er sichzugleich das Wesen der wissenschaftlichen Methode an.
Daß die Beschäftigung mit dem Autographensammeln nicht nurden Geist, sondern auch das Gemüt bildet, daß der junge — undauch der erfahrene — Sammler das traute Heim der lauten Öffent-lichkeit vorzieht, auf manchen anderen Genuß verzichtet und diehierfür in Aussicht genommenen Mittel lieber zum Ankauf vcnAutographen verwendet, ist nicht der bedeutungsloseste Schrittauf dem Wege zum Idealen, zu welchem die Kunst des verständnis-vollen Handschriftensammelns ihre Jünger erzieht. Aus demStudium der in seinen Mappen aufgehäuften Autographen gewinntder Sammler mit der Zeit eine Fülle von geschichtlichen, genealo-gischen, sprachlichen, literar- und kunsthistorischen Einzelkennt-nissen, die sich mit den Jahren ganz von selbst zur systematischenEntwicklungsgeschichte irgend eines Wissensgebietes zusammen-fügen.
Einen Brief oder ein Albumblatt in fremder Sprache läßt sichder Sammler — falls er ihrer nicht mächtig ist — von befreundeterSeite sogleich übersetzen. In den Sammlungen finden sich nämlichspanische Albumblätter von Hofmann von Hofmannswaldau und provenzalische Strophen von Frdddric Mistral, dänischeDenksprüche von Andersen und Holger Drachmann , italie-nische Texte zu Notenzeilen von Mascagni und Leoncavallo ,hebräische Psalmenverse von der Hand Moses Mendelssohnsund lateinische Widmungszeilen von Johann Sebastian Bach
Wölbe, Autograpben. 3