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Erstes Kapitel.
Menschen Naturtreue und Zuverlässigkeit beanspruchen dürfen.Weit eher als in einem wohlerwogenen, stilistisch fein säuberlichausgeführten Handschreiben entschlüpfen dem Urheber in denflüchtig hingeworfenen Zeilen eines Privatbriefes vertraulicheMitteilungen, die vielfach einen überraschenden Gegensatz zwischendem Wirken in der Öffentlichkeit und der Kleinheit und Armselig-keit im Privatleben. Tolstoi, der die Welt aus den Angeln hebenwollte, predigte schrankenlose Humanität und führte auf seinemGute Jasnaja Poljana ein patriarchalisches Familienleben — mitseiner eigenen Frau wurde er freilich nicht fertig! Bert holdAuerbach pries das Eheglück in allen Tonarten und jammerte inseinen Gesprächen mit seinem Freunde Moritz Lazarus über seineigenes unglückliches Eheleben! J. J. Rousseau schrieb ein klugesBuch über Erziehung; seiner eigenen Kinder mußte sich das Waisen-haus annehmen! Bernhardin de St. Pierre schrieb ein Buchvoll zartester Empfindungen, durchglüht von Liebe und Fürsorge— seine Briefe spiegeln den Dichter als einen launischen Tyrannenwider. Auch Sallust und Seneca gaben sich in ihren privaten,schriftlichen Äußerungen ganz anders, als in ihren fein ausgeklügel-ten historischen und philosophischen Werken.
Daß das Autograph und noch mehr das Autographensammelnein ebenso eigenartiges wie wichtiges Erziehungsmittel darstellt,wird jeder Sammler, der gern Jünger werben möchte, unumwundenzugeben. Ein Lehrer, der seinen Schülern einen eigenhändigenBrief Goethes oder gar ein ganzes Album mit Briefen und Denk-sprüchen von der Hand der hervorragendsten Persönlichkeiten derdeutschen Geschichte vom Großen Kurfürsten bis zum Reichs-kanzler von Bethmann Hollweg vorlegt, weckt in den Knaben undMädchen ein Gefühl der Pietät vor den Großen und Hohen dieserErde, weckt den Wunsch, gleichfalls derartige Schätze aufzuhäufen.Selbstverständlich ist der sammelfreudige Lehrer gern bereit, aufdie nachher häufig an ihn herantretende Frage: „Wie macht rnan’s?“Rat und Anleitung zu geben.
Wer auf Grund einer solchen Unterweisung durch Kauf odergeschenkweise ein Autograph erhalten hat, wird sich über dessen