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Handbuch für Autographensammler / Eugen Wolbe
Entstehung
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Erstes Kapitel.

über den Unverstand, die Kurzsichtigkeit und falsch verstandeneSchweigepflicht von Familien und Einzelpersonen, welche Manu-skripte und Briefe schonungslos dem Feuertode überantworteten.Tausende von nicht herausgegebenen und nachgelassenen, hand-schriftlich überlieferten Werken, Briefen und Tagebüchern, die ausEngherzigkeit vernichtet wurden, beraubten die Nachwelt mancheines wertvollen Kulturdenkmals.

Eine arge Versündigung an der Heiligkeit des persönlichen Er-innerungszeichens stellt die Verstümmelung des Autographen durchdie Entfernung der Unterschrift dar. Der abgeschnittene Namens-zug ist nahezu wertlos, der Brief ohne Unterschrift minderwertig.Eine abgeschnittene Unterschrift von Francis Bacon kostete imJahre 1852 nur 2,25 Fr.; um 1900 eine solche von Schiller 15 M.,eine von Bismarck 20 M., von Wilhelm I. 1 M. Im Mai 1921ersteigerte ein Sammler zwei abgeschnittene Unterschriften Bis-marcks für 205 M.; ein einzelner Namenszug von FranzSchubertging damals für 90 M. in den Besitz eines Wiener Antiquariats über.Ein Besitzer von 16 eigenhändigen Briefen des Londoner ChronistenSamuel Pepys (16331703) schnitt die Unterschriften herausund brachte diese zum Händler,um ihm die Mühe zu ersparen!!Im Zeitraum von kaum zwei Sekunden hatte er diese seltenen Auto-graphen fast völlig entwertet, während jeder einzelne Brief un-versehrt 1520 Pfd. Stlg. gebracht hätte! James Carlyle stellt ineinem Schreiben vom 7- Dezember 1877 die traurige Tatsache fest,daß von den Briefen seines Oheims Thomas Carlyle alle, vollenUnterschriften längst abgetrennt seien.

Unkundige Sammler messen der bloßen Unterschrift einengroßen Wert bei. Ich kenne ein Album, das sich eine junge Dameder Hofgesellschaft auf ihrem Krankenlager angelegt hatte; dieBesucher erfreuten die Patientin durch eigenhändige Briefe be-deutender Zeitgenossen, darunter der Feldmarschälle Moltke ,Wrangel und Manteuffel und anderer Heerführer im deutsch-französischen Kriege. Die junge Autographenfreundin schnittdie Unterschriften höchst ungeschickt heraus und klebtesie mit Tischlerleim (!!) auf die Blätter eines Poesiealbums.