Vom Wesen des Antographen.
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Von den etwa hundert Beiträgen zu ihrer Sammlung warennur ein hübscher Originalbrief Kaiser Friedrichs und einBrief von Darwin unversehrt und darum brauchbar; daß siejedesmal die leeren Respektblätter abgeschnitten hat, sei ihrverziehen.
Dennoch ist auch die abgeschnittene Unterschrift nicht zu ver-achten. Der Sammlungsnovize, d. h. der Tertianer oder der Back-fisch, freut sich auch dieses Autographen — bis ihm das Verständnisfür den wahren Wert einer Sammlung dämmert. .Lehrer könnenihren Schülern keine größere Freude bereiten, als wenn sie in ihnenmit der Spendung einer Unterschrift von Geibel den Wunsch,Autographen zu sammeln, wecken. Völlig wertlos scheinen selbstdie abgetrennten Namenszüge nicht zu sein, denn sogar die stolzenSammler größten Stils, denen die Urhandschriften des „BefreitenJerusalems“, des „Verlorenen Paradieses“ und des „Faust“gerade genügen würden, wären zufrieden, einen der sechs vor-handenen Namenszüge William Shakespeares ihr eigen nennenzu können. 1 )
Briefe von fremder Hand, aber mit der eigenhändigenUnterschrift des Absenders, stellen die zweite Stufe auf demWege zur erreichbaren Vollkommenheit dar.
ln dieser Phase des Sammelns gibt sich der Autographenfreundmit unterschriebenen Urkunden, Patenten, Tagesbefehlen, Quit-tungen usw. zufrieden. Der Sammler großen Stils tut diese Artvon Handschriften mit einer gewissen Geringschätzung ab — und'doch, wie lieb sind mir diese vergilbten Blätter mit den krausenSchriftzügen, der verblaßten Unterschrift und dem großen, häufigin einer Kapsel ruhenden Siegel! Ein solches Blatt enthüllt oftwelthistorische Vorgänge, indem ein Fürst oder Feldherr die Nieder-schrift von der Hand des aufs genaueste unterrichteten Sekretärsdurch seinen Namenszug bestätigt. So bleibt der aus Gartz a. d. 0.
l ) Einen Namenszug Shakespeares bot der Lagerkatalog 163 derFirma Albert Cohn in Berlin (1884) für 350 M. aus; 1878 hatte das näm-liche Stück bei der Auktion Wagener 300 M. gekostet. Das Autographstammte aus der Collection Cotton und war trotzdem — unecht.