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Handbuch für Autographensammler / Eugen Wolbe
Entstehung
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Vom Wesen des Autographen.

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Wenn sich Geliert über Shakespeare kurz ausspricht, so be-deutet ein Brief dieses schreibseligen, wortreichen Leipziger Pro-fessors weit mehr als das folgende Schreiben von ihm an eine adligeDame:

Gnädiges Fräulein, Ihr Herr Bruder hat mich versichert, daßSie es nicht ungern sehen würden, wenn ich Ihnen ein Exemplarvon meinen Liedern überschickte; und ich glaube das nur gar zugern, was ich wünsche. Nehmen Sie also das kleine Geschenk vonmir an, das für niemanden, als ein gutes Herz, einigen Werth hat.Gefällt Ihnen das Werk, gnädiges Fräulein, so weiß ich sicher,daß es dem besten Theile der Welt gefallen wird. Welche Be-lohnung für einen Autor! Eine schriftliche Danksagung nehme ichnicht von Ihnen an; eine mündliche will ich mir auf der Messe,wenn Sie die Madame Pajon besuchen, selbst von Ihnen abholen.Ihr Herr Bruder? 0 das ist ein gutes Kind, gnädiges Fräulein, gut,ohne mich, bloß durch sich und seinen Charakter. Wenn er immerso fortwächst: so muß er der nützlichste und rechtschaffensteMann und die Stütze seiner Familie werden. Das wünsche ichund verharre mit der vollkommensten Hochachtung,

Leipzig , gnädiges Fräulein,

den 22. März 1757- Ihr gehorsamster Diener

Geliert.

Autographen von Chr. Felix Weiße haben nur für den Literar-historiker Wert; ein Brief aber, in dem sich dieser Schriftstellerüber LessingsHamburgische Dramaturgie ausspricht, inter-essiert jeden Literaturfreund:Die Lessingsche Dramaturgie hatviel Aufsehen gemacht, den Franzosen möchte ich sie aber nichtzu lesen geben, da ihnen überall, vorzüglich aber Voltairen sehrverächtlich begegnet wird, ob mit Recht oder Unrecht, ist eineandere Sache. Sie liest sich immer angenehm, obgleich Parteilich-keit und kleine Philistereien nicht selten die Rolle der Beweis-gründe vertreten.

Die Königin Luise korrespondierte fast ausnahmslos in fran-?ösischer Sprache, welcher sich damals fürstliche Personen zu