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Erstes Kapitel.
in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts einem erlesenenKreis österreichischer Adligen allseitigen Dank eintrug für dieSammlung und Mitteilung der Blätter, welche ein Virtuose desBriefs, Herr von Villers, so verschwenderisch, manchmal ausTiefen der Bildung schöpfend, manchmal ein Nichts artig auf-putzend, zu Freunden und Freundinnen hatte flattern lassen.Briefe zeigen hinter dem Werke den lebendigen Menschen undgeben erst die volle individuelle Farbe zu den Umrissen, in denenuns der Schöpfer aus seinen größeren Schöpfungen zunächst auf-ersteht. Sie sind der fortlaufende Kommentar für den Lebensertragund die Verhältnisse seiner Ausbildung. An entscheidenden Wende-punkten fassen sie manchmal die Gesamterscheinung rund unddurchsichtig zusammen. Hätten wir aus Lessings Feder nichts,als jene in den furchtbaren Tagen, da er Frau und Kind verlor,geschriebenen Briefe, so würde sich uns doch sein Charakter undseine Tonart ebenso scharf, so gewaltig und verehrungswürdigeinprägen, wie aus der ,Emilia‘ oder dem ,Nathan*.“
Für den Sammler kommen eine Reihe von Gesichtspunkten inBetracht, nach denen er den Brief als Autograph wertet. Zunächstsei bemerkt: an die Länge eines solchen Briefes ist sein Wert nichtgeknüpft.
Ein kurzes, inhaltreiches Schreiben ist wertvoller als ein lang-atmiges, nichtssagendes. Ein schön geschriebenes, liebenswürdiges,eigenhändiges Freundschafts-, Anerkennungs- oder Beileidsschreibenmit persönlicher Note atmet auch den Geist des Urhebers und stelltein durchaus würdiges Sammelobjekt dar. Stammt es aus einerhistorisch bedeutsamen Zeit und hat es eine berühmte Persönlich-keit zum Adressaten, so ist ein solch scheinbar inhaltloses Auto-graph einem zerfetzten, unleserlichen Blatt vorzuziehen, auchwenn dies hundertmal einen politischen Vorgang betrifft. „Inhalts-los“ ist eigentlich keine schriftliche Äußerung, auch die Wäsche-liste Schillers nicht, welche ein namhafter deutscher Schriftstellerals einzige und darum kostbare Schillerreliquie in seiner Sammlungverwahrt.