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Handbuch für Autographensammler / Eugen Wolbe
Entstehung
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Vom Wesen des Autographen.

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Privatverkehr und zerreißt eins der Bande, welches die mensch-liche Gesellschaft umschlingt.

Dennoch ist der Publikation von Briefen gegenüber eine allzu-große Engherzigkeit nicht am Platze. Freilich, eine wörtlicheWiedergabe aller Einleitungs- und Schlußfloskeln welche selbstdie geistreichsten Briefe aufweisen ist ebenso unnötig wie dieMitteilung von Briefstellen, die der Verfasser selbst alsvertrau-lich bezeichnete. Ein Herausgeber, der trotz der ausdrücklichenBitte um Diskretion der Öffentlichkeit Briefe und Briefstellenübergibt, deren Veröffentlichung der Briefschreiber nicht wünscht,begeht eine grobe Taktlosigkeit.

Max von Klinger schreibt in einem Briefe aus St. Petersburg (1818):Dann bitte ich Sie, Sorge zu tragen, daß meine Briefe anSie nie und in keinem Falle in andere Hände kommen mögen. Siekennen die Wut unserer Landsleute, alles drucken.zu lassen...Ich hasse diese Publizität. Ich habe mit dem Publikum geendigtund will in keiner Gestalt wieder vor ihm erscheinen. Ob derAdressat diesem Wunsche des Dichters Rechnung trug, ist nichtzu ermitteln. Es ist aber mit Sicherheit anzunehmen, daß eingelehrt sein wollender Schriftsteller oder ein Antiquar diesen Wunschnicht respektierte denn sonst stände diese aus einem Auto-graphenkatalog übernommene Briefstelle nicht hier.

Die Veröffentlichung kennzeichnender Autographen kurz nachdem Tode ihrer Urheber erfährt in der Öffentlichkeit nicht immereine freundliche Auslegung.

Als Josef Kainz nach dem tragischen Hinscheiden KönigLudwigs II. die an ihn gerichteten Briefe des Monarchen ver-öffentlichte bzw. durch seine damalige Braut Sara Hutzier ver-öffentlichen ließ, erließen 44 Mitglieder der Münchener Hofbühneeine Erklärung, in der sie das Vorgehen ihres Kollegen als pietät-und taktlos geißelten. Die Deutung, welche die Öffentlichkeitdamals der Indiskretion dieses Bühnenkünstlers gab, nämlich schau-spielerische Eitelkeit und marktschreierische Reklame, trifft glück-licherweise nicht bei denjenigen Schriftstellern zu, welche die Briefeverstorbener Zeitgenossen zu wissenschaftlichen Zwecken, d. h.

Wölbe, Autographen. 5