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Handbuch für Autographensammler / Eugen Wolbe
Entstehung
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Erstes Kapitel.

Dienst. Dennein solcher Brief wirft vielfach ein neues Schlaglichtauf das Leben des Schreibers und auf die Zeit, der er entstammt.Aus seinen Blättern rauscht dem späten Leser das ganze Lied vonder Unzulänglichkeit und Zwiespältigkeit der Menschennatur ent-gegen: Haß und Verachtung schreiten hier einher im Arm der Liebeund Bewunderung; Neid und Eitelkeit blähen sich auf, währendGerechtigkeit und Wohlwollen nur verstohlen den Bogen entlang-schleichen; hier blitzt das Raketenfeuer geistreicher Einfälle auf,dort spinnt der kecke Übermut sein goldenes Runenseil. LangeGeglaubtes erweist sich als Täuschung, wenn ihm der aufgefundeneund veröffentlichte Brief den Spiegel vorhält. Der Held des Schwer-tes schnallt nicht bloß Pallasch ab und legt den Marschallstab ausder Hand, wenn er sich hinsetzt, um an seine Lieben zu schreiben,auch sein Geist und Gemüt befreien sich von der Einschnürungängstlicher Rücksichtnahme: seine vertraulichen Briefe sind häufigviel zuverlässigere Dokumente zur Zeitgeschichte, als seine sorg-sam zurechtfrisiertenDenkwürdigkeiten.

Die unerlaubte Veröffentlichung von Privatbriefen und seiensie historisch noch so wertvoll ist immer eine Sache des persön-lichen Taktes, namentlich Personen gegenüber, die sich durch diebegangene Indiskretion bloßgestellt fühlen. Eine Richtschnurfür das Verhalten gegenüber diesem geistigen Besitz stellt diefolgende Entscheidung des Pariser Appellhofes vom 10. November1850 dar:Ein vertraulicher Brief kann nicht als unbedingtesEigentum des Adressaten angesehen werden; das Geheimnis, dasein solcher Brief in sich schließt, ist vielmehr ein Depositum, überwelches der Empfänger nicht ohne weiteres verfügen darf. Indemder Schreiber brieflich seine Gedanken einem Dritten kundgibt,kann er an diesen Akt des Vertrauens die Bedingung knüpfen,daß diese seine Gedanken der Öffentlichkeit nicht preisgegebenwerden dürfen. Diese Bedingung aber besitzt alle Merkmale einesÜbereinkommens und ist bei einem Briefe von vertraulichemCharakter als etwas Selbstverständliches anzusehen. Wer nuneinem solchen stillschweigenden Übereinkommen zuwider denInhalt eines vertraulichen Briefes veröffentlicht, der verletzt den