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Zweites Kapitel.
des Dichters und verteilten sie fast zeilenweise an Freunde undInteressenten. Auf diese Weise ließen sie die Urhandschriften des„Wilhelm Teil“ und der „Phädra“ bruchstückweise in die Welthinausflattern — als beschriebene Papierstreifen wertlos, als ein-heitliches Ganzes Kostbarkeiten allerersten Ranges! (Vgl. Abb. 20).
Auch Körners Eltern und Geschwister verschenkten die Auto-graphen ihres Theodor zu Dutzenden. Sigurd Ibsen erfreutedie Autographensammler mit einzelnen Blättern aus dem Reise-tagebuche seines großen Vaters. Die Erben der Marlitt über-sandten den Bittstellern auf Wunsch Blätter aus den Wirtschafts-büchern der Dichterin. Der Begründer des „Deutschen Literatur-kalenders“, Joseph Kürschner , wurde mit der Bitte um dieausgefüllten Fragebogen der im Kalender vertretenen Dichtergeradezu bestürmt. Alfred Meißner , dessen Reichtum an Heine-Autographen den Neid aller Sammler erregte, konnte sich der Zu-dringlichkeit vermessener Bittsteller kaum erwehren. Einem jungenSammler antwortete er:
Geehrter Herr!
Die Autographensammler bilden in Deutschland ein Korps vonmindestens 10000 Mann. Seit 25 Jahren kommen mir jede Wochemindestens zwei Briefe zu, in welchem man von mir ein Auto-gramm Heines verlangt. Ich bediente mich früher eines gedrucktenFormulars, den geehrten Herren zu melden, daß mein Autographen-schatz nach dieser Seite hin ganz erschöpft ist. Mit lebhaftemBedauern, Ihren Wunsch nicht erfüllen zu können
Bregenz , den 30. September 1878.
Meißner.
Wer in reiferem Lebensalter eine Sammlung anlegt, wird denWeg persönlicher Bitte verschmähen, selbst wenn er für das Auto-graph einer noch lebenden Berühmtheit erhebliche Geldmittel auf-wenden müßte. Dem berufstätigen Manne widerstrebt es, seinenMitmenschen Opfer an Zeit und Geld zuzumuten, namentlich, wenner sein Gesuch lediglich mit dem Wunsche nach Bereicherung seiner