Drittes Kapitel.
Zur Psychologie des Autographen-sammelns.
Wer seine handschriftlichen Schätze weder auf dem Wege per-sönlicher Bitte an ihre Urheber noch — lückenlos — durch Erb-schaft erhielt, der ist auf den Händler angewiesen. Der Sammel-trieb des einen bedingt die wirtschaftliche Existenz des anderen,und da sie beide fast ausnahmslos den besten Gesellschaftsklassenangehören, so wickelt sich ihr Verkehr in angenehmen Formen ab.
Warum auch nicht?
Um Autographensammler zu sein, muß man über eine zufriedene,lebensbejahende Gemütsart verfügen. Mürrische, verdrossene, ewigunzufriedene Menschen haben keinen Sinn für handschriftliche An-denken an die Führer des Menschengeschlechts. Welteroberer,ehrgeizige Streber, ruhelose Wirrköpfe fühlen sich über dergleichen„Steckenpferde“ turmhoch erhaben. Die Kämpfe, Sorgen und Ent-täuschungen, welche ein Menschenherz, ja ein ganzes Volk bewegenund erregen können, werden dem Autographensammler häufig erstdurch die vergilbten Blätter kund, die er aufspeichert; die Beschäfti-gung, der Umgang mit den erlesensten Geistern der Welt-, Literatur-und Kunstgeschichte fesselt ihn an sein Haus und anerzieht ihmeine gewisse Weltfremdheit. Demgemäß ist es kein Zufall, daß eingroßer Teil der Autographensammler dem Junggesellenstandeangehört.
Umweht vom Hauche einer längstvergangenen Kultur, inmittenseiner Blätter mit den krausen Schriftzügen, findet der Sammlereine Freude, ein Glück, das die Außenstehenden nicht nachzuemp-finden vermögen. Sie belächeln ihn hochmütig als Sonderling.
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