Buch 
Handbuch für Autographensammler / Eugen Wolbe
Entstehung
JPEG-Download
 

136

Drittes Kapitel.

Auch dieser Sammler verdankte den größten Teil seiner Schätzeden Geschenken von befreundeter Seite. Ehe die Öffentlichkeitsich mit dem Autographensammeln beschäftigte, ruhten kostbareStücke in den Mappen gebildeter Familien, ohne daß diese ansystematische Zusammenfassung der Handschriften und nament-lich an deren Ausbau durch Ankauf dachten.

Der Sammler von einst verfügte nur über bescheidene Mittel.Nicht selten häuften mäßig, wenn auch auskömmlich besoldeteBeamte wie Rentamtmann Preusker, Generalarzt Puhlmann,Hofrat Bechstein usw. ganz ansehnliche Sammlungen an.

Heutzutage sind Millionäre auf den Geschmack auch am Auto-graphensammeln gekommen; in den allermeisten Fällen befähigtsie hierzu gründliche Geschichts-, Literatur- und Musikkenntnis.J. Pierpont Morgan und W. K. Bixy in Amerika , BaronEdmund Rothschild in Paris , jedoch auch Großindustrielle,Pelzhändler und Rechtsanwälte mit namhaftem Einkommen fin-den im Autographensammeln ein beglückendes Hinweggleitenüber müßige Stunden. Vielen von ihnen bedeutet unsere edleWissenschaft keinenSport wie dem Schriftsteller Karl Emil Franzos keinen bloßen Zeitvertreib, sondern einen ernst-haften Priesterdienst im Heiligtum des Wahren und Schönen.Daß sie ihre reichen Mittel ohne Rücksicht auf minderbemittelteMitbewerber zum Ankauf kostbarer Stücke verwenden, ist ihrgutes Recht. Jeder andere Sammler in ähnlicher wirtschaftlicherLage würde ebenso handeln.

Demgemäß bleiben für die bescheiden bemittelten Sammlervon heute fast nur die Autographen zweiten und dritten Rangesübrig. Mit der Tatsache müssen sie sich abfinden und auf eigen-händige Briefe von Wallenstein , Derfflinger, Yorck, KöniginElisabeth von England , Washington , Napoleon I. , Les-sing, Bach und Beethoven verzichten.

Was ihnen der Auktionssaal versagt, gewährt ihnen mitunterein glücklicher Zufall, indem ihnen Privatleute aus ererbtem, aberinfolge von Unkenntnis achtlos behandeltem Familienbesitz kosten-los oder zu mäßigem Preise ganz prachtvolle Stücke überlassen.