Zur Psychologie des Autographensammelns.
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Es kommt tatsächlich vor, daß Autographenbesitzer bescheidengestellten Sammlern in angesehener sozialer Stellung Sammlungenzwecks weiterer Fortführung schenken, genau wie Besitzer treuerHaustiere ganz Unbekannten, denen der Ruf sachkundiger Tier-liebe vorangeht, ihre Lieblinge letztwillig zu bleibendem Eigentumüberlassen.
Wenn auch eine solche Überlassung wertvoller Autographendurch Privatleute nur einen Glückszufall darstellt, so brauchtsich der wirtschaftlich schwächere Sammler in dem Streben nachreicher Ausgestaltung seiner Kollektion nicht beirren zu lassen.Vielleicht empfindet er an seinem Bismarck, 1. a. s., seiner Maria Theresia , seinem Blücher , Schenkendorf, Eichendorff oder
Abb. 33- Derfflinger.
Uhl and dieselbe Freude wie der Finanzaristokrat an seinemManuskript der „Hermannsschlacht“ oder der „Kreuzersonate“.Wie nach Schillers Wort das Beste, was wir von der Geschichtehaben, die Begeisterung ist, die sie erweckt, so erblickt der Auto-graphensammler in der Freude, welche die Durchmusterungseiner Schätze in ihm auslöst, den Hauptzweck seiner Sammler-tätigkeit.
Die Freude am Autograph ist etwas so Persönliches, daß nurderjenige sich für das Sammeln begeistert, der Kenntnisse mitPietät vereinigt. Wie selten finden sich Menschen, welchen diesGefühl der Ehrfurcht gegenüber den schriftlichen Andenken inne-wohnt! Demgemäß ist das wissenschaftliche Autographensammelnin Deutschland — vom Kreis der Eingeweihten abgesehen — eine„terra incognita“.