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Viertes Kapitel.
sogar geschenkt bekam. Die Ruhe nach den napoleonischen Kriegenhatte allenthalben das Streben nach Verinnerlichung des geselligenLebens, nach friedevoller Häuslichkeit und beschaulich-heiteremLebensgenuß begünstigt. Da die allgemeine wirtschaftliche Erschöp-fung nur eine bescheidene Wohnungsausstattung erlaubte, so suchteman sich an Wertgegenständen idealer Art zu erfreuen — an Büchern,Kupferstichen und besonders an Autographen. Das Interesse fürdie Andenken an berühmte Männer und Frauen steigerte sich zurwahren Leidenschaft und führte zu einer seit den Tagen der Re-volution unerhörten Durchwühlung aller noch vorhandenen Archive,Bibliotheken, Arbeitszimmer und Künstlerateliers, eine Autogra-phenjagd, welche weder vor den Privatgemächern der Königenoch den Kurierzimmern der Gesandten, den Betstuben derhohen Geistlichkeit und den Boudoirs der eleganten Frauen Haltmachte. Dokumente, Aktenstücke, Briefe waren längst nichtmehr allein begehrte Sammelobjekte: man war bescheiden ge-worden und gab sich mit einem noch so unbedeutenden Blätt-chen von der Hand einer irdischen Größe zufrieden. Namentlichwar jedes von Napoleon unterfertigte Patent ein Gegenstandheißen Begehrens.
Gewaltige Eroberer, die einer Welt geboten, waren viel zu nüch-tern, kühl, berechnend, „zielstrebig“, um sich mit solchen Gemütund Phantasie beschäftigenden Dingen, wie Autographensammeln,abzugeben. Von ihrer stolzen Höhe herab blickten sie mitleidig aufdie bedauernswerten Ideologen, denen das Streben nach einem ver-gilbten Blättchen schlaflose Nächte bereitete.
Weder Friedrich der Große noch Bismarck trug Hand-schriften zusammen, ebensowenig Napoleon . Und doch bewahrteder große Korse eine ganze Reihe von Briefen europäischerStaatshäupter auf — nicht aus Freude an den Handschriften,sondern aus Eitelkeit: ihm schmeichelte das Bewußtsein seinerMacht, vor der sich jene oft in recht demütigen Zuschriften beugten.Sein Bruder Joseph erbte die kostbare Sammlung und ließ sie inLondon „unter der Hand“ zum Kaufe ausbieten. Der Ertrag sollsich auf 700000 Fr. belaufen haben. Für die Handschriften seines