Fünftes Kapitel.
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Von einem solchen frühen gedruckten Autographenverzeichnisist heute kaum mehr eins erhalten.
Wie es Anfänger vielfach machen, ehe sie sich zu einiger Voll-kommenheit durchringen, so hatte sich auch Goethe ein Stammbuchangelegt, das er bereits im Juni 1807 seinen Karlsbader Bade-bekanntschaften zur Einzeichnung vorlegte. In seine Sammellustklingt bereits ein Ton graphologischen Interesses hinein; wenn ernämlich im Bekanntenkreise die Stammbucheintragungen bespricht,äußert er bestimmte Ansichten über die Handschrift, die nach ihmSchlüsse auf den Charakter der Person gestattet. So hat er ein förm-liches Studium über die Handschrift Napoleons gemacht und ist„zu einem sehr richtigen Urteil über sie gelangt“ (Christine Rein-hardt an ihre Mutter).
Im Jahre 1811 hat die Sammlung bereits einen solchen Umfangangenommen, daß Goethe sie — alphabetisch — ordnete und kata-logisierte. Wenn er sich auch auf deutsche Dichter, Gelehrte undKünstler spezialisierte, so hat er dennoch auch Berühmtheiten desAuslandes nicht abgelehnt. Da reihte er d’Alembert nebenBoerhave, Maffei neben Montesquieu , Frau von Sta61neben Thomson. Fürsten und Feldherren blieben im allgemeinenausgeschlossen. Dennoch nahm er ein paar wertvolle BriefeFriedrichs des Großen gern entgegen, welche ihm die FamilieMauderode verehrte. Einen stark beschädigten Brief des großenPreußenkönigs besserte Goethe sorgfältig aus, indem er das Blattglättete und die Risse geschickt verklebte, und gab ihn dem Besitzerzurück, unter Beifügung der Bemerkung:
„Das Blatt, wo seine Hand geruht,
Die einst der Welt geboten,
Ist herzustellen fromm und gut.
Preis ihm, dem großen Toten!“
Große Freude bereitete dem Dichter ein Autograph von Kant,für welches er sich bei dem Spender, dem langjährigen Gönner desgroßen Philosophen, Motherby, mittels folgenden Schreibensbedankte: