Buch 
Handbuch für Autographensammler / Eugen Wolbe
Entstehung
JPEG-Download
 

214

Fünftes Kapitel.

zu Gebote, um ihren Urheber gewissermaßen persönlich herbei-zuzitieren.Da mir die sinnliche Anschauung durchaus unentbehr-lich ist, so werden mir vorzügliche Menschen durch ihre Handschriftauf eine magische Weise vergegenwärtigt (vgl. Brief an JacobiS. 211). ln demselben Sinne berichtet er von seiner Sammlung anAlbers, siebildet den unschuldigsten Zauberkreis, abgeschiedeneoder entfernte Geister heranzuziehen.

Nachdem in den siebziger und achtziger Jahren des 18. Jahr-hunderts allenthalben ein lebhaftes Interesse für physiognomischeStudien erwacht war, das zur Anlegung von Porträt- und Silhouetten-sammlungen führte, wies Goethe auf die nahe Verwandschaft zwi-schen der Handschrift und dem in der Physiognomie ausgeprägtenCharakter hin. Als Goethe zu sammeln anfing, schrieb ihm La-vater:

Je mehr ich die verschiedenen Schriften, die mir zu Gesichtekommen, miteinander vergleiche, desto mehr bestärkt sich in mir derGedanke, daß alle ebenso viele Ausdrücke oder Ausflüsse des Cha-rakters der Schreiber genannt werden können; denn in dem Augen-blicke, wo sie entstehen, sind sie die Repräsentanten der Gedankenund müssen daher den Zustand der Seele dessen, der sie dem Papieranvertraut, wiedergeben.

Dennoch wendete Goethe, der zu Lavaters physiognomischemSammelwerk einige Aufsätze beisteuerte, seiner Handschriften-sammlung erst um 1825 ein besonderes graphologisches In-teresse zu.

Freilich, die erste Äußerung graphischer oder charakterologi-scher Art, die Eckermann überliefert, ist durchaus allgemein.Goethe legte seinem Hausgenossen ein paar Briefe Schillers vorund machte ihn bei dem letzten, d. d. 24. April 1805, darauf auf-merksam,wie die Handschrift keine Spur irgend einer Schwächeverrät. Auch eine graphologische Beurteilung der den Verhand-lungen der Naturforschenden Versammlung zu Heidelberg beige-fügten Handschriftenfaksimiles ist anscheinend über ein paar Be-merkungen elementarer Art nicht hinausgegangen. Goethe kannsich nämlich mit der Möglichkeit einer systematischen, d. h. einerwissenschaftlich begründeten Graphologie nicht befreunden.