Echtheit und Fälschung.
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von wertvollen Familienpapieren trennen“ müssen. Sie treibenihr Geschäft meist auf schriftlichem Wege, damit die Falsifikatein recht viele Hände kommen und damit sie nicht durch öffent-liche Anpreisung ihrer Raritäten die Polizei auf sich aufmerksammachen. In der Regel drängen sie den Dummen, dem sie die Nach-bildungen aufschwatzen, mit dem Hinweis auf die gewaltige Nach-frage gerade nach dieser handschriftlichen Kostbarkeit!
Viel Betrug wird mit den Trägern desselben berühmten Familien-namens verübt, wenn Autographen des minder berühmten für solchedes berühmten Verwandten ausgeboten und verkauft werden.
Dem Sammler R. Forrer in Straßburg wurde einst ein eigen-händiger und Unterzeichneter Brief Napoleons I. zum Kaufeangeboten. Eine genaue Untersuchung ergab ein überraschendesResultat: sowohl der Brief als auch die Unterschrift waren altund in gewissem Sinne auch echt — denn es war ein Schreiben von„Eugene Napoleon“. Von dieser Unterschrift war aber in be-trügerischer Absicht der erste Name „Eugene“ fein säuberlichwegradiert worden, wodurch sich tasächlich ein „Napoleon “, 1. a. s.,ergab. Es war aber in Wirklichkeit kein Brief von der Hand Napo leons I., vielmehr von dessen Stiefsohne Eugene Beauharnais , derseine Briefe mit Vorliebe „Eugene Napoleon“ Unterzeichnete.
Ganz ähnlich verhielt es sich mit einem angeblich eigenhändigen,„Bonaparte “ Unterzeichneten Napoleonbrief, den ein Gelegenheits-händler einem Berliner Sammler verkaufte. Der Sammler war überdie Handschrift hocherfreut, denn sie war verhältnismäßig, ja auf-fallend billig und außerdem recht gut leserlich. Daß sie von demgroßen Kaiser herrührte, bewies eine Notiz von fremder Hand aufdem Respektsblatt: „Lettre autographe de l’Empereur Napoleon Bonaparte , alors Ier Consul, au medecin de sa Mere Letitia“ nebstOrt und Datum.
Trotz dieser von keinerlei Persönlichkeit mit autoritativemCharakter Unterzeichneten Echtheitsbestätigung stiegen in demneuen Besitzer Zweifel an der Echtheit des Stückes auf. Er legte esseinem Antiquar vor, und dieser stellte sofort fest: „Der Briefstammt nicht von Napoleon , allenfalls von Joseph Bonaparte —