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Zehntes Kapitel.
Schwung, der Schillers wirklicher Handschrift eignete. Statt dessenzeigen die vorliegenden Schriftzüge etwas Eckiges und Gekniffenes,was besonders in den unteren Haken des g und h hervortritt. DieLinien steigen auch häufig nach rechts aufwärts, während Schiller immer genau wagerecht schrieb.
2. Das Papier ist gelblichgrau, zum Teil wasserfleckig. DerHersteller scheint die Blätter durch Kaffeewasser gezogen zu haben,um sie recht alt erscheinen zu lassen. Kein einziger von den 400 ech-ten Schiller-Briefen, die Dielitz in Händen hatte, ist auf ähnlichesPapier geschrieben.
3- Ein großer Teil der Gerstenbergkschen Handschriften bestehtaus Xenien . Diese wurden von beiden Dichtern gemeinsam ver-faßt; es war ihr ausdrücklicher Wunsch, daß die Öffentlichkeitden Verfasser des einzelnen Xenions nicht erfahre. Unmöglich hatdaher Schiller seinen Namen unter die von ihm verfaßten Xeniengesetzt — und doch steht bei Gerstenbergk jedesmal „Schiller “darunter! Ebenso pflegte Schiller seine Briefe häufig nur mit einem,,S.“ zu unterzeichnen, während jeder Brief aus GerstenbergksWerkstatt den vollen Namen aufweist.
4. Das gleichzeitige Auftreten so vieler Schillerhandschriften,während echte Schiller-Autographen bis dahin im Handel kaumvorkamen.
Der englische Geistliche Dr. Scott urteilt über die Gersten-bergkschen Fälschungen — 28 Xenien, mehrere lyrische Gedichte,ein Idyll „Die Gräfinnen“ in schwäbischem Dialekt, ein dramati-sches Nachspiel „Die Schwärmerin“, ein dramatischer Schwank„Herr und Diener“ — sie seien „mit all der vollendeten Geschicklich-keit und peinlichen Sorgfalt, wie sie nur den Deutschen eignen“,angefertigt. Die Ähnlichkeit war für ein weniger geübtes Augeso frappierend, daß selbst Schillers Tochter Ida die Stücke fürabsolut authentisch erklärte und daß Kräuter, der Kenner,Schiller-Autographen, beispielsweise die Distichen „Die Ritter desSpitals zu Jerusalem “ (Abb. 72) mit folgender Echtheitsbestätigungversah: