Dreizehntes Kapitel.
Autograph und Graphologie.
Seitdem Lavater auf die Zusammenhänge zwischen Hand-schrift und Charakter hingewiesen, haben Berufene und UnberufeneAutographen zwecks graphologischer Studien gesammelt. Nichtbloß die Lust am Ermitteln geschichtlicher Vorgänge und dasHineinleuchten in die geheimnisvollen Schächte der dichterischenPhantasie, die dem Kunstwerk Leben spendete, sondern auch dieFreude an der Handschrift als solche beflügelt den Wunsch nachAufhäufung handschriftlicher Kostbarkeiten. Sammler, die ausdiesem Gefühlsmoment heraus dem Autographenkult huldigen,sind zwar sehr selten Autographophilen größten Stils: ihre Freudeam Besitz dieser schönen Erinnerungszeichen ist jedoch nicht ge-ringer als die Sammellust der ausschließlich zwecks wissenschaft-licher Forschung dem Autographen dienenden Zunftgenossen.
Wenn der Sammler — nach dem Vorbilde seines großen KollegenGoethe — bei der Beschäftigung mit seinen Stücken auch dasgraphologische Moment in den Kreis seiner Betrachtung zieht,wird ihm aus derartigen Studien reiche Anregung und bleibenderGenuß erwachsen.
Wilhelm von Humboldt , George Sand , Victor Cousin ,Edgar Allan Poe , Walter Scott , Alexander Dumas (Sohn)und Max Nordau sammelten Autographen zu graphologischenZwecken, ohne sich freilich auf ein bestimmtes System einzuschwö-ren. Die meisten begnügten sich mit der aufmerksamen Betrach-tung und mit der Herleitung einfacher Charakterzüge aus den Merk-malen der Handschrift.
Ludwig XIV. schrieb besonders große Buchstaben. Von einerbesonderen Schönheit seiner Schrift ist keine Rede. Wie der Sonnen-könig, so schrieben auch seine mehr oder minder bedeutenden Zeit-