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Dreizehntes Kapitel.
geprägt oder gar nach links zurücklaufend) oder Kriecherei (amWortanfang fehlen Bogen; die Schrift ist nicht klein oder dünn),um die Gunst anderer zu gewinnen, war ihm völlig unmöglich. Erhatte kein Talent zur stilvollst geregelten Etikette des höfischenLebens (keine stilisierten Schnörkel oder absonderliche Gestaltungeneinzelner Buchstaben). Einfache Gediegenheit war ihm natürlich(einfache, feste Schrift). Wenn er auch entschieden formalen Ge-schmack besaß (gewandte und geschmackvolle Schrift), so fehlteihm doch das Verständnis für eine künstlerisch-feinsinnige Lebens-führung (keine dünne, sehr vereinfachte Schrift, in der die Bogenüberwiegen würden). Sein trockener, schlagfertiger Humor (dieu-Haken sind abgerundet, druckreich und spitz auslaufend) mußtealso die Tiefe einer entsprechenden künstlerisch-philosophischenWeltanschauung entbehren. Bismarck konnte nicht auf differen-zierte sensuelle Reize reagieren; seine Sinnlichkeit war in jeder Be-ziehung, z. B. im Essen und Trinken, derber und ursprünglicher(kräftige Schrift; die Schleifen von b, d, g usw. sind zuweilen aüs-gefüllt [klexig]).
Demnach ist dem Eisernen Kanzler eine warme Gefühlsfähigkeitnicht abzusprechen (ziemlich steile Schrift; zuweilen sind zumWortschlusse hin einige m oder n etwas abgerundet). Zu sorgloserVerschwendung oder zu mitleidsvoller Freigebigkeit hatte Bismarckkeine Fähigkeit (keine weit auseinander gezogene Schrift, der esgleichsam auf das Papier nicht ankam). Im Gegenteil: er war be-rechnend-überlegend, sparsam (lange Wortschlußschweife fehlenvöllig; die Wörter sind nahe aneinandergerückt).
Bis ins höchste Alter hinauf zeigte Bismarcks Charakter —soweit er sich aus seiner Handschrift deuten läßt — eine erstaunlicheBeständigkeit und Ungebrochenheit. Ja, einzelne Eigenschaften,wie die unbeugsame Hartnäckigkeit, schienen noch an Ausgeprägt-heit zuzunehmen (die ganze Schrift ist eng; die linken Ränderverbreitern sich niemals nach unten hin, sondern haben eher eineTendenz, schmäler zu werden). Nirgends verriet die Handschrifteine Spur von Altersschwäche; denn sie wurde weder dünn, nochklein, noch unsicher.“