Autograph und Graphologie.
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Über die Handschrift von Hans Thoma stellt Freifrau Isa-bella von Ungern-Sternberg die folgende Untersuchung an.
„Dem ersten flüchtigen Blick schon verraten des Künstlerskräftige, eigenartige Schriftzüge einen spezifisch deutschen Mann,deutsch gleich der dunklen Schatten und süßen Blütenduft spenden-den Linde, deutsch wie Luther und Beethoven . Im Gemüts-und Willensleben liegt, was ihn mit diesen zwei Großen verbindet.Gemeinsam ist den dreien das schwere Geblüt, die melancholischeAder, der beschauliche Ernst. Die Schrift ist schwer und eckig,weist hin und wieder unbeholfene Formen und sinkende Zeile auf— eine dunkel gestimmte Nachhaltigkeit des Empfindens bekun-dend, die bis zur Schwerfälligkeit sich steigern kann. Das ist einwesentlicher Zug des Deutschtums, der mannigfachen dichterischenVerkörperung; man denke etwa an Parzival oder an den Michel desVolksmärchens.
Und das sehen wir aus den Werken dieses Mannes: trotz seinesgroßen Talentes wurde ihm nichts geschenkt. Sein Können ist mitzäher Geduld errungen. Rasches Auffassen und flüssiges Wieder-geben ist nicht seine Art. Langsam nimmt er Eindrücke in sichauf, läßt sie reifen, tränkt sie mit seinem eigensten Fühlen, undallmählich erst gewinnen sie künstlerische Form: so etwa dürfteder Wachstumsvorgang im malerischen Schaffen Thomas zu denkensein. Oberflächlichkeit und spielerisches Wesen sind ihm völligfremd. Mit gemütsreicher Treue und Innigkeit haftet er an denEindrücken der ersten Kindheit. Er ist der berühmteste Ver-treter der Heimatkunst. Er nähert sich der Vollkommenheit ammeisten und rührt uns am tiefsten, wo seine Meisterschaft sicherweist an Natur und Menschenschlag des Schwarzwaldes. Mitdiesem ihm teuren Boden ist er eins in Sprache, Sitte und Glauben.All seine Gestalten bringen jene Treuherzigkeit, Sinnigkeit undUnbeholfenheit zum Ausdruck, welche ein Erbteil der Väter ist.Am wohlsten ist ihm, wo er sich einspinnen darf in die Darstellungländlicher Verhältnisse, in die Reize der Höhen und Täler, derStädtchen und Weiler, über die sein Pinsel einen idyllischen Zauberverbreitet. Er wird die knorrige Art und Weise, die Gärten und