Autograph und Graphologie.
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aus. Vornehmlich hat mich die Vergleichung mancher Künstler-schriften, so Goethe , Hans Thoma , Franfois Coppee und Theodore de Banville gelehrt, daß die eine linksläufige Form der Rück-biegung (die am h zugleich eine Vereinfachung ergibt) in künstle-rischer Hinsicht bedeutsam erscheint. Die genannten Künstlerhaben sie miteinander gemein. In der geneigten kräftigen SchriftGoethes offenbart sich der Lyrismus in den senkrecht aufsteigen-den, nach links gekehrten Kurven. Die Erinnerung in ihrer Eigen-schaft als verlangsamende, in die Vergangenheit gekehrte Phan-tasie wird insbesondere gekennzeichnet durch die charakteristischenlangen Rückbiegungen am d, g, h, deren Strichbreite zugleich dieIntensität des Gefühles verbürgt. Diese rückwärts schweifendeEinbildungskraft ist durchaus individuell, subjektiv gefärbt, wasersichtlich ist aus der Verbindung des genannten Merkmals mit demgleitenden Schriftduktus und der bedeutenden Schräglage desNeigungswinkels, zwei Merkmale, die in diesem Zusammenhängefeurige Empfindung und ein Sichgehenlassen in den Grenzen derschönen Form verraten.
Bei Thoma begegnen wir dem linksläufigen Element als Rück-biegung in einer nichts weniger als flüssigen Schrift. Diese durch-aus originellen Rückbiegungen finden ihre schärfste Ausprägungim H und T des Namens und weisen hin auf sehr fest wurzelnde,erblich bedingte Züge. Solche Rückbiegungen in solchem Zu-sammenhänge verraten eine bis zur Querköpfigkeit entwickelteGeneigtheit, in Brauch und Meinung am Überkommenen fest-zuhalten. Derartigen Naturen eignet kräftige Unmittelbarkeit inpro und contra, in Ja und Nein — eignen starke Instinkte, die sichvielfach passiv äußern mit rückwärts gewandtem Blick, mit demFesthalten an Vätersitte und Glauben. Thomas erbbedingte Un-mittelbarkeit gestaltet sich aber typisch objektiv, da sie des lyri-schen Elementes, der auf das eigene Ich zurückführenden Be-trachtung gänzlich ermangelt. Nirgendwo begegnen wir der auf-steigenden Kurve mit dem Ansatz zur Volute. Seine Kunst istnicht lyrisch und sucht ihr Objekt außerhalb der eigenen Individuali-tät. Sein Geist schaut und gestaltet, was so seine Vorfahren seit