Berühmte Stammbücher, Sammlungen und Einzelautographen. 459
Drei Monate vergehen, Wintermonate. Ende März erlaubt derlachende Frühling einen Ausflug nach Oßmannstädt, zu Wieland,der mit seinen schönen, klaren Schriftzügen die folgenden Zeileneintrug:
Geh’, wo Du gehen kannst, die gold’ne Mittelstraße,
Und alle Dinge miß mit ihrem rechten Maße.
Aus den goldnen Sprüchen des Pythagoras .
Wenn der hoffnungsvolle Knabe, dereinst zum Manne gereift,den tiefen Sinn dieser alten Sprüche ganz verstehen und ausübengelernt haben wird, dann erinnere er sich noch bey einem zufälligenBlick auf dieses Blatt an seinen väterlichen Freund
C. M. Wieland.
Geschrieben zu Oßmannstädt, d. 29- März 1801.
Eine mehr persönliche Note schlug Herder an, indem er demSohne seines Freundes die schönen Verse aus der „Iphigenie “widmete:
Unendlich ist das Werk, das zu vollführen
Die Seele drängt. Wir möchten jede Tat
So groß gleich tun, als wie sie wächst und wird. —
Es klingt so schön, was unsre Väter taten,
Wenn es, im stillen Abendschatten ruhend,
Der Jüngling mit dem Ton der Harfe schlürft. —
Darum, o Jüngling, danke Du den Göttern,
Daß sie so früh an Dir so viel getan.
Im Sommer 1801 unterzog sich Goethe einer Kur in Pyrmont .August begleitete ihn. In diesem Badeorte und bei dem Aufenthaltin Göttingen , dem Musensitz, erfreute sich Goethe an dem „genuß-reichen Verkehr mit hervorragenden Vertretern aller vier Fakul-täten“. Gelehrte auf dem Gebiete der Naturwissenschaften, wieJoh. Fr. Blumenbach und G. F. Hoffmann, der Historiker Sar-torius, die Theologen Griesbach und Schütz, der Jurist Hugo, derPhilosoph Meiners schrieben sich hier in Augusts Stammbuch.