Von der tumpheit zum zwifel.
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mich mindestens im Verdacht eines Kapitalverbrechens gehabt!Allein die vom Grafen Thun veranlaßte Nachfrage schien sich nurauf Karlsbad selbst erstreckt zu haben; denn als ich tags daraufvon einem Spaziergange heimkehrte, kam mir mein Quartierwirtganz aufgeregt entgegen:
„Woas hoben’s denn ausg’fressen? Die Polizei war da und hotnoach Ihnen g’fragt.“
Ich beruhigte den guten Mann, indem ich ihm haarklein ausein-andersetzte, welche Bewandtnis es mit dieser polizeilichen Nach-forschung hatte. Sichtlich erleichtert meinte er im Hinblick aufmeinen Sammeleifer:
„Dös is ja a unschuldig Freid!“
Die Sache mit der polizeilichen Erkundigung war hiermit er-ledigt, ich aber verzichtete dankend auf das Autograph des hoch-gebietenden Herrn Statthalters, sowie auf Jahre hinaus auf jedesweitere Gesuch um Einzeichnung in das „Fürstenalbum“ 1 ).
Wie das „Fürstenalbum“ eine kleine Weltgeschichte darstellt,so wuchs sich das „Dichteralbum“ zu einem kostbaren „Auto-graphenatlas zur Literaturgeschichte der Gegenwart“ aus. Ich be-schränkte mich jedoch nicht einseitig auf Schriftsteller, ich trat auchan Gelehrte, später auch an Tonschöpfer mit der Bitte um einAutograph heran. In einem Falle wurde mir diese Aufdringlichkeit— und als solche darf ich sie heute getrost kennzeichnen — sehr un-angenehm. Ich sandte nämlich das Büchlein an Rudolf Virchow .
Es verging ein Monat, ein zweiter, ein dritter — das Album wolltenicht wiederkehren. In meiner Besorgnis hatte ich bereits nach vierWochen an die Rücksendung erinnert — gleichviel, ob mit oder ohnedas gewünschte Autograph. Nach abermals vier Wochen erneuerteich mein Ersuchen — beide Male erfolglos! Ein angesehener Mit-
J ) Heute ist es längst bis auf die letzte Seite gefüllt; die letzte Ein-tragung stammt von der Königin Elisabeth von Rumänien (Carmen Sylva ), die sich mit dem Gedenkspruch verewigte:
Der Tag geht schön auf, an welchem ein Gedanke für andere dasHerz durchsonnt.