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Bangigkeit und Angst. Das Geschwirr der Tausende von Stimmendurcheinander, das Schreien um sie her, all die neuen ungewohntenBilder und Eindrücke, das hätte freilich auch minder unerfahreneReisende zu verwirren vermocht. Geneviöve hatte bisher noch nieeine Straße betreten oder die Luft einer Großstadt geatmet,während die sehr beschränkten Erfahrungen ihrer Mutter auf diesemGebiet seit Jahren schon vergessen waren. Da kam zu ihremGlück der Kapitän, dem Herr Avordun sie anempfohlen, ihnen zuHilfe. Er versprach, dafür zu sorgen, daß sie ihr Gepäck richtigerhielten — es war bescheiden genug — und fragte, ob sie in einenGasthof gehen oder etwa Freunde aufsuchen wollten?
Madame Montöres erwiderte rasch: „Wir wollen zum KlosterPort Royal, in der Vorstadt St. Jacgnes, hingehen."
„Da hätten die Damen dort jemanden herschicken sollen; siehaben doch sicher Wagen und Pferde," meinte der Kapitän, der,nicht mit Unrecht, eine sehr hohe Meinung von dem Wohlstandund Reichtum dieser großen Klostcranstalten besaß und überdiesin Verlegenheit war, wie er seine Schutzbefohlenen glücklich unter-bringen könne.
„Sicher haben sie das nicht," erwiderte Madame Moutöres,„denn sie haben das Gelübde gottgeweihter Armut abgelegt. Aberwas uns beide anlangt, konnten wir nicht dorthin zu Fuß gehen?Wir sind an große Wanderungen gewöhnt."
Der Kapitän schüttelte sein Haupt und meinte: „Das ist dochein zu langer Weg, und dabei ist dies noch der geringste Teil derSchwierigkeit. Die Straßen sind heutzutage allzu unsicher. DieDamen könnten ebensogut, wie nicht, am hellen lichten Tage über-fallen und gemordet werden."
Eine solche Beschaffenheit der Zustände hatte Madame Montsresallerdings nicht erwartet in der „Perle der Städte," dem großenParis, dem Stolz von ganz Frankreich, der Residenz des Königs.Doch sie verbarg ihre Sorge und Enttäuschung und fragte nur:„Wie könnten wir denn sonst hingelangen? Giebt es wohl Miet-pferdc?" Einen Wagen zu mieten fiel ihr auch nicht im Traumeein; sie hätte auch wohl schwerlich in ganz Paris einen aufzutreibenvermocht.
Genebnöve. 3