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irgendwo anders diese Nacht unterzukommen suchen und überlegenspäter, was wir morgen früh thun."
„Aber wohin, Mutter? In den Gasthof von vorhin zurück-kehren?"
Madame Montöres schüttelte den Kopf; das war jedenfallseine Unmöglichkeit. Der Weg war viel zu lang, selbst wenn essicher gewesen wäre, zu Fuß ihn zu passieren.
Der Priester, der sich inzwischen ein wenig zurückgezogenhatte, vermutlich um keinerlei Ausichtsäußerung über Port Noyalmit anhören zu müssen, trat jetzt wieder heran und sagte mit
aufrichtiger Freundlichkeit: „Wenn Ihnen an einem sicheren Unter-kommen gelegen sein sollte, meine Damen, bei schlichten Leuten, sokönnte ich Ihnen ein solches verschaffen."
„Damit würden Sie mir einen großen Gefallen erweisen,"sagte Madame Montöres voller Dankbarkeit. Als echtes Land-kind hatte sie ein wahrhaftes Granen vor der Großstadt und allihren Gefahren, was wohl unter den obwaltenden Umständendurchaus begründet und gerechtfertigt war. „Doch," fügte sie
hinzu, nicht ohne Zögern, „ich muß Ihnen leider noch mitteilen,daß wir recht wenig haben, nicht viel zahlen können."
„Die Leute, von denen ich spreche, sind selbst arm; sie
werden Ihnen ein Zimmerchen für sicher ganz bescheidenen Preisablassen. Die Frau ist eine Witwe, und ihr Sohn, von Gewerbeein Maurer, lebt bei ihr. Es ist gar nicht sehr weit von
hier, ganz nahe am Thor. Wcnn's Ihnen recht, bringe ichSie hin."
Das war ihnen beiden, erschöpft wie sie waren, sehr will-kommen. Unter dem Schutz des Priesters verließen sie nun wiederdie Vorstadt, betraten die Innenstadt und durchwanderten mehrereenge, schmutzige, von hohen, vielstöckigen Häusern zu beiden Seileneingefaßte Straßen. Mittlerweile ward es beinahe dunkel, bis siesich endlich am Ziel fanden, und der Priester ihnen in einem jenerhohen Häuser eine wenig saubere Treppe wies, die von viel Ge-brauch zeugte. Schließlich waren sie froh, als sie sich in einemziemlich kahlen und kalten Zimmer befanden, das, so unwirtlichund unbehaglich es auch aussah, immerhin den Vorzug hatte,