60
Orte sollte also ihre Mutter, ihre feine, zarte, liebevolle Mutterliegen, vielleicht gar sterben!
„Hefte den Blick nur immer auf den Boden, mein Kind,"sagte liebevoll die Schwester; „höre und sich', sowenig Du kannst!Bald sind wir an Ort und Stelle. Da wir sahen, daß DeineMutter nicht war, wie die andern, so haben wir ihr ein Bettallein gegeben, in einer stillen Ecke."
Jetzt kamen sie zu der „stillen Ecke"; ein Priester wandte sicheben langsam von ihr. Was er dort gesucht, unterlag keinemZweifel; vor ihm her schritt ein Knabe mit einem Glöckchcn,während ein alter Meßncr folgte, der die zu dem heiligen Werknotwendigen Geräte trug. Gcnevnwe verstand es alles nur zugut; sprechen aber konnte sie nicht. Ohne ihre Bewegung andersals durch ein leichtes Zusammenschaudern zu zeigen, nahte sie sichder bescheidenen Ruhestätte, wo ihre Mutter lag.
So bleich, so totengleich war das teure Antlitz, das Antlitz,das für sie die ganze Welt war, daß sie nimmer zweifeln konnte,der Tod sei bereits ganz nahe; und ein lauter, bitterschmerzlicherAufschrei entrang sich ihrem gequälten Herzen: „O Mutter,Mutter!"
Da thaten sich die geschlossenen Augen auf; die schwacheStimme flüsterte leise und abgebrochen die Worte hervor, dieeinzigen, die im Gemüte der armen Sterbenden noch hasteten, alsalles andre bereits für sie nichtig geworden war: „Er sorgt fürDich, sorgt für Dich, mein Kind!"
Nun beugte sich Gcneviäve über sie und küßte ihre Stirn;dann nahm sie ihre Hand und fühlte, wie die kraftlosen Fingernoch einmal die ihrigen umschlossen, in jenem innigen, zarten Druck,der das letzte Zeugnis einer nimmer endenden Liebe ist.
Neben ihr stand die Schwester und beobachtete Mutter und
Kind.
Noch eine Stunde, und es war alles vorbei. Da nahm dieSchwester Gencvwvc leise bei der Hand und sagte in freundlichemTone: „Komm, mein Kind! Nun hat sie Ruhe gefunden. Es warein seliges Dahinscheiden; habe kein schmerzloseres oder sricdc-vollcres je gesehen."