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„Ach, laßt mich bei ihr bleiben," bat Gcueviöve, „bitte, bitte,bis zuletzt!"
„Nein, liebe Tochter, das kann nicht sein; wir müssen sie jetztin die Halle bringen, wohin wir unsre Toten schaffen, bis wirsie hinansgeleiten. Du mußt jetzt nach Hause gehen. Aber Dukannst noch einmal wiederkommen, noch einmal sie Dir ansehen;morgen früh, neun Uhr, komm' her!"
In diesem Augenblick rief eine laute, heftige Stimme vollUngeduld: „Schwester Margarete, rasch, rasch!"
Noch einen Moment zögerte sie, um Geneviövc zuzuflüstern:„Troste Dich, mein armes, liebes Kind, und geh' jetzt heim! Morgen,wenn Du herkommst, fragst Du nach Schwester Margarete."
Geneviöve konnte sich noch immer nicht losreißen. Ach, dalag ja alles, was sie auf Erden besaß, so kalt, so bleich, und inwenig Stunden sollte es ihr nicht einmal mehr gehören!
Schließlich aber hörte sie Stimmen, die ihr minder sanft, alsdie gute Schwester zu gehen geboten, und Hände erfaßten sie, diesie fast hinanstriebcn bis an die Pforte des Hauses.
Als sie sich auf der Straße sah, blickte sie voll Angst undSchrecken um sich. Es sah alles so anders, so fremd aus. Warenes Jahre her, daß sie dies Pflaster betreten, dieses Thor durch-schritten hatte'?
Doch man zwang sie bald, vorwärts zu gehen. Vorüber-gehende begannen, sie anzupfeifen und Späße zu machen; eineBahre mit einem Kranken nahte sich; die Träger hießen sie mitrauhen Worten aus dem Wege gehen oder selbst hineinzugehen insHospital, da sie das, ihrem Aussehen nach, nötig habe.
Mechanisch, halb wie betäubt, schritt sie dahin, und, vielleichtvom Instinkt getrieben, fand sie sich wirklich in ihre Straße zu-rück. Da sie nichts Besseres zu thun wußte, so durchwanderte siedieselbe, die ihr endlos schien, und war schließlich ganz zufrieden,als sie in dem Scitcngäßchen vor deut Hanse der Bkutter Maninstand.
Es war, wie gewöhnlich, offen; Mutter Manin stand vorder Thür, die Arme in die Seite gestemmt und mit einem