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Standes und die gedrückten Lohnverhältnisse der är-meren Städtebewohner, das erschreckende Anwachseneines besitzlosen Proletariats, die Erschütterung desGlaubens an Autoritäten, das wachsende Machtbewusst-sein der untern Klassen, dies waren die günstigenVorbedingungen für socialistisch gefärbte Bewegungen,wie wir sie in den städtischen Revolutionen, den Auf-ständen der Bauern und der Wiedertäufer vor unshaben. Das Schicksal dieser Bewegungen ist bekannt,in der Schweiz vermochten sie noch weniger durch-zudringen als in Deutschland. Mit der Unterdrückungder Symptome war aber die sociale Krankheit selbstkeineswegs aus der Welt geschafft, was übrigens allehervorragenden Geister jener Zeit sehr wohl einsahen.
Richten wir nun unsern Blick speciell auf dieschweizerischen Verhältnisse und untersuchen wir, wieweit sie mit dem allgemeinen Bilde der wirtschaft-lichen Entwicklung um die Wende des 15. und 16. Jahr-hunderts übereinstimmen, so finden wir, dass die Be-merkungen über das Steigen der Preise, womit die Er-höhung der Arbeitslöhne nicht Schritt zu halten ver-mochte, auch hier ihre vollkommene Gültigkeit haben.Dagegen finden wir in der Schweiz nirgends einenAufschwung wie in den benachbarten süddeutschenStädten, sondern beinahe überall macht sich eher einwirtschaftlicher Büchgang geltend. Basel und St. Gallenmachen in dieser Beziehung eine Ausnahme, in Zürichdagegen war die einst so blühende Industrie beinaheganz verschwunden, schon zur Zeit der Konzilien warsie durch die Konkurrenz von Konstanz und Baselaufs schwerste geschädigt worden; von dem Schlagedurch den langen Bruder-Krieg um die Mitte des