Riesenzellen (Langhans).
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§. 740. Als ich vor 20 Jahren diese Elemente zuerst genauerbeschrieb, stellte ich mit Rücksicht auf ihre Genese die beiden Mög-lichkeiten der Entstehung durch Proliferation und durch Zusammen-fliessen vieler Zellen einander gegenüber. Auch jetzt ist die Ent-scheidung noch nicht gefallen. Koch, Baumgarten und Weigerthaben sich zwar für die Proliferationstheorie ausgesprochen; alleinauffallend ist es doch jedenfalls, dass es Baumgarten nie geglücktist, Kerntheilungsfiguren in ihnen nachzuweisen, dass sie erst in spä-teren Stadien sich bilden, wenn Kerntheilungen im Tuberkel immerseltener werden, wenn also die Proliferätionsfähigkeit in ihm erlischt.Es ist daher auch jetzt immer noch die Hervorhebung der anderenMöglichkeit erlaubt.
Ich führte früher für dieselbe besonders die Lockerheit desBaus in der nächsten Umgebung an; die Riesenzelle ist in der Regeldurch eine weite Spalte von den anderen Elementen getrennt, derenBreite mit der Grösse der Zelle erheblich zunimmt; die umliegendenElemente bieten nicht die geringsten Zeichen eines Wachsthumsdrucksdar, sie zeigen auch nicht jene Beraubung von Protoplasma, welcheZiegler bei seinen bekannten Glasplättchenversuchen veranlasst hat,die Riesenzelle auf eine Zelle zurückzuführen, welche die benach- ’barten auffrisst x ). Diese Lockerheit des Baus ist besonders auffallend,wenn der Tuberkel in dem geschlossenen Markraum der Knochen-spongiosa sitzt, wo jede Vergrösserung des ganzen erkrankten Feldes,leicht zu constatiren und auch leicht auszuschliessen ist * 2 ). Die Re-sorption des Knochens erfolgt manchmal sehr spät, öfters gar nicht,doch findet sich hier der gleiche lockere Bau. Man wird zugeben,dass derselbe aus der Confluenztheorie sich von selbst ergiebt. Indessenich will diese Discussion nicht weiter fortspinnen, da ich Entscheiden-des nicht beibringen kann.
§. 741. Riesenzellen mit wandständigen Kernen finden sich be-kanntlich auch bei andern pathologischen Veränderungen, so beim Lupus, [bei welchem Nachweis der Bacillen und Impfversuche die tuberkulöseNatur festgestellt haben, aber auch in syphilitischen Ulcerationen und/Gummata, bei Aktinomykose, bei Rotz in der Umgebung von jungen!Blasen des Echinococcus multilocularis; wie ich ferner noch hinzu-fügen kann, finden sich solche auch gelegentlich im Nävus, in melano-^tischen Sarkomen. Ferner hat man gleiche Gebilde auch bei Gelegen-heit von Experimenten an Thieren beobachtet, so an der Oberflächevon Extravasaten bei Tauben, wo sie die Resorption besorgen, umcarbolisirte Seidenfäden, bei Catgut. Auf diesem letzteren Gebiete aber ^treffen sie mit anderen Riesenzellen zusammen, deren Kerne gleich-mässiger vertheilt sind; dahin gehören die Riesenzellen, die sich umGlasplättchen, Hollundermark, Stücke todter thierischer Gewebe(Knochen, Muskeln, Hornhaut, Nieren, Lungen, Haare) entwickeln
Ziegler hat seine Theorie als eine Confluenztheorie bezeichnet, undWeigert wie Baumgarten sehen ihn sogar als Urheber der Ansicht an, nachwelcher viele kleine Zellen zu einem grossen Element sich vereinigen. Ziegler’sAnschauung basirt aber auf der Proliferation der einen Zelle, welche die andernauffrisst ; die Kerne der aufgefressenen gehen zu Grunde, nur der Kern der erstenproliferirt und bildet die zahlreichen Kerne der Riesenzellen.
2 ) Feurer, Virchow’s Archiv, 82.