Buch 
Die Krankheiten der männlichen Geschlechtsorgane / Theodor Kocher
Entstehung
Seite
585
JPEG-Download
 

Entzündungserscheinungen durch Stauungsinfarct.

585

Natürlich ist die Form der Schwellung auch bei Epididymitis hiernicht so characteristisch wie im Scrotum. Indess kann der Umstand,dass bei Leistenhoden oft das Vas deferens eine über den Hodenherabhängende Schlinge bildet, für die Diagnose verwerthet werden.In den Fällen Lücke uud ekel war dieser Theil druckempfindlichund in der ersten Beobachtung ragte gerade derselbe zur vorderenLeistenöffnung heraus. Ebenso in einem Falle von Follin.

§. 1158. Nicoladoni hat gezeigt, dass ein Theil der Einklemmungs-und Entzündungserscheinungen auf Infarct zurückzuführen ist, inF olge von Circulationsstörungen durch Drehung desSamenstrangs.Follin hat schon früher auf die Torsion als Ursache der Atrophieaufmerksam gemacht.

Nicoladoni war bei einem 18jährigen Individuum, bei welchemer eine operative Reposition eines schmerzhaften rechtseitigen Leisten-hodens vornahm, auf die eigenthümliche Befestigung desselben auf-merksam geworden. Der Hode hing an einem dicken, drehrundenStiel wie eine Kirsche, und dieser den Samenstrang umsehliessendeStiel liess sich leicht noch weiter aus der Bauchhöhle hervorziehen,so dass der Hode ins Scrotum gelagert werden konnte.

Im December 1888 bekam er nun einen Patienten in Behandlung,welcher seit dem 12. Jahre Beschwerden von einem Leistenhoden hatteund bei welchem 8 Tage vor der Aufnahme in der Leiste Schwellung mitSchmerzen und Erbrechen aufgetreten war. Die schmerzhafte, wail-nussgrosse und im Leistencanal unverschiebbare Geschwulst wurdeals Leistenhoden mit Periorchitis acuta aufgefasst und excidirt.

Nach Spaltung der Msc. obl. abd. ext. und int. ergoss sich aus derverdickten Scheidenhaut blutig-seröse Flüssigkeit, der Hode war prall,difform, blauschwarz. Derselbe hing an einem 2 cm langen Stiel, der aus2 Strängen bestand, in der Weise umeinander gedreht, dass man im Sinnedes Uhrzeigers um 180° aufdrehen musste, um sie parallel zu stellen.

Der Durchschnitt zeigte gegen den obern Pol Venenlumina mitGerinnseln. Die Samencanälchen waren spärlich und eng und waren infaseriges Bindegewebe eingelagert, dessen Maschen mit Blutkörperchenvollgepfropft waren, besonders stark unter der Albuginea. Im Rete testiswaren die Maschen zu bluterfüllten Räumen ausgedehnt; auch im Caputepididymitis fanden sich Blutungen zwischen der Vasa efferentia.

Ganz analoge Torsion des Samenstrangs fand Nicoladoniauch bei einem normal gelagerten Hoden, wie beim Hodeninfarct mit-getheilt ist.

§. 1159. Nicoladoni hat gewiss Recht mit seiner Annahme,dass mancher Fall von Stauungsinfarct, als welcher ich die durchTorsion hervorgerufene Veränderung am Hoden am liebsten bezeichnenmöchte, Veranlassung geworden ist zur Diagnose vonEinklemmungoderEntzündung eines Leistenhodens. Dahin scheint ihm z. B. dervon uns erwähnte Fall von Scarenzio zu gehören.

In Fällen geringerer Intensität ist anzunehmen, dass die Er-scheinungen spontan zurückgehen werden (vergl. Hodennekrose).

Auffällig erscheint in den Beobachtungen von Nicoladoni dieDifformität des Hodens, welcher in Abbildung 1, 2 und 5 bimförmig