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(Fig- 1106), so erhält der Eisenstab dieselben Eigenschaften wie ein natürlicherMagnet, aber nur so lange, wie Draht vom Strome durchflossen wird, sofort
wenn der Strom unterbrochen wird, hört auch der Magnetismus auf. Einen so
behandelten Eisenstab nennt man einen Elektromagneten. Wir sehen alsoauch hieran, daß der elektrische Strom befähigt ist, einen Magneten zu ersetzen,denn ein zweites Stück Eisen, an den umwickelten Eisenstab gehalten, wird, so-lange die Spule vom Strome durchflossen ist, von diesem angezogen, bei Unter-
brechung des Stromes fällt es ab. Die magnetische Kraft, die in den Eisen-kernen durch den elektrischen Strom erweckt wird, ist jedoch nicht immer gleichstark, sondern je häufiger der Draht um den Eisenkern gewickelt und je stärkerder durchgeführte Strom ist, desto kräftiger wird auch der hervorgerufeneMagnetismus sein. Ein starker bezw. dicker Draht und ein schwacher Stromwerden demnach einen schwächeren Magnetismus erregen. Man kann auf dieseWeise äußerst starke Magnete hervorrufen, die ungemein große Lasten tragenbezw. anziehen können. Weiter kann man unter Nutzbarmachung dieses Vor-ganges gleichfalls Instrumente zum Messen der Elektrizität herstellen, woraufspäter näher eingegangen wird.
Es erscheint ohne weiteres klar, daß der Ausweg, Magnete durch denelektrischen Strom zu ersetzen, von fundamentaler Bedeutung für die Entwicklungder Elektrotechnik sein mußte, denn erst hierdurch war man in der Lage, dieelektrische Kraft in Stärken zu erzeugen, wie es heute in den Dynamomaschinengeschieht, von denen Aggregate von mehreren tausend Pferdestärken keine Selten-heit mehr sind. Um so wichtiger und interessanter muß es sein, wenigstens inetwas in den Vorgang einzudringen, der sich bei der Magnetisierung von Eisen,d. h. bei der Erzeugung des Elektomagnetismus abspielt. Die Schwierigkeiten,die sich dem entgegenstellen, sind sehr groß und das Meiste, was uns dieWissenschaft hierüber lehrt, sind Hypothesen, denn der Magnetismus, auf denschließlich doch die in Frage kommenden Wirkungen hinausgehen, ist die rätsel-hafteste Erscheinung der Natur. Es kann wohl mit Sicherheit angenommenwerden, daß einst Elektrizität und Magnetismus auf eine Kraft höherer Ord-nung zurückgeführt werden können, ja, da wir wissen, daß durch diese AgentienLicht erzeugt werden kann und Licht nichts anderes ist, wie eine verstärkteWirkung der Wärme oder deutlicher sichtbare Wärme, so ist die Hypothese wohlgewissermaßen begründet, daß diese vier Agentien eine uns bis jetzt unbekannteQuelle besitzen, denn die Ursache der mangnetischen und elektrischen Erscheinungenentgeht unserm Wissen vollständig.
Wie nach dem Stande unserer Wissenschaft die Annahme gerechtfertigterscheint, daß die kleinsten, mechanisch nicht mehr trennbaren Teilchen einesMagneten, die Moleküle als Einzelmagnete winzigster Abmessung anzusehen sind,so kann man diese Hypothese auch auf jeden Elektromagneten erstrecken. Wirgelangen auf diesem Wege zu dem Schlüsse, daß in jedem Körper jedes Molekülvon einem elektrischen Strome umspült wird, der Körper erscheint unmagnetisch,solange die Molekularströme ungeordnet durcheinander liegen, d. h., solange dixFlächen ihrer Bahnen nicht nach einer gleichen Richtung gekehrt sind, und die
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