Buch 
Lesebuch für den Religionsunterricht an den Gemeinde- und Bezirksschulen des Kantons Aargau / erstellt von Karl Schweizer
Entstehung
Seite
70
JPEG-Download
 

70

87. Voin Prozedieren. (i46)

Einst hatte ein alter Rabe seinen zwei Jungen einen merk-lichen Schatz an goldenen Ringen und Kleinodien nebst einemStück Käse als Erbe hinterlassen. Die Jungen teilten die gol-denen Schätze friedlich miteinander. Als es aber an den Käsekam, wurden sie uneins und riefen den Vetter Kranich zumSchiedsrichter herbei. Der Kranich kam und mahnte zum Frie-den. Er besah und bezirkelte den Käse, zog zu gleichenTeilen mitten einen Strich über denselben und darnach solltensie ihn teilen. Aber die Raben fanden den Strich nicht inder Mitte und die Teilung nicht gleich.

Sie boten einander Recht dar. Jeder nahm sich eineDohle zum Fürsprecher, weil die Dohlen unter den Vögelnam besten reden können. Und gleich gab jeder seinem Für-sprecher seine goldenen Ringe und Kleinodien, damit er seinenProzeß um den Käse desto besser führen möchte. Daraufwählten sie den Sperber zum Richter, weil er scharf seheund ein feineres Auge habe als alle Vögel. Die Dohlentrugen dem Sperber die Sache vor. Er besah den Strich,maß die Teile, fand den einen Teil zu groß und pickte davon,bis er dem andern gleich war. Aber das Urteil gefiel denbeiden Raben und ihren Fürsprechern nicht.

Sie appellierten an den Storch, weil er die Rechtealler Länder kenne. Die Dohlen trugen ihm die Sache vor.Auch der besah den Strich, maß die beiden Teile und fandnun den andern Teil viel zu groß. Er pickte zuerst links, dannrechts davon, bis er wieder dem andern Teile gleich war.Aber auch das Urteil des Storches gefiel den Raben undihren Fürsprechern nicht.

Sie appellierten an den Adler, weil er alle Vögel anGerechtigkeit übertreffe. Als die Dohlen die Sache vorge-tragen hatten, besah auch der Adler den Strich und dieTeile. Darnach faßte er das Stücklein in der Mitte mitdem Schnabel, hob's empor und wollte wägen, welcher Teilder schwerere sei. Aber siehe, da entfuhr ihm das ganze Stückin den Schlund, daß er es verschluckte. Nachher hustete er und