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178. Iesajas Liebe zuw Vaterland. ( 172 )
Seit seinem Erlebnis im Tempel hatte Jesaja Jahre instiller Zurückgezogenheit vergehen lassen; aber nicht unbemerktund unbeachtet ging das äußere und innere Leben seines Vol-kes an ihm vorüber. Die öffentlichen Übelstände traten deut-licher als je zutage; seiner tiefen Frömmigkeit, die alle Men-schen vor Gott gleich achtete, tat es wehe, zu sehen, wie dieGeringen, Besitzlosen als Enterbte behandelt wurden; dasBlut stieg ihm in die Wangen, wenn er sah, wie die herzlosenBedrücker auch von der öffentlichen Meinung ungestraftblieben, wie sie im Gegenteil mit Ehrerbietung begrüßt, dieHuldigungen, die der Feigling dem Reichtum darbringt, inEmpfang nehmen konnten. Bald mußte Jerusalem erfahren,was es heißt, einen Mann wie Jesaja zum Mitbürger zuhaben; denn seinen Mut lähmte kein huldvolles Wort, mitdem ihn etwa ein Vornehmer beglücken wollte, sein unbe-stechliches Urteil traf Hohe und Niedrige.
Es war gegen das Ende der Regierung Jotham's (zirka745) und Jesaja stand jetzt in den Dreißigen, war Gatteund Vater geworden, als er anfing, gegen die Übelständeaufzutreten. Getrieben von seinem Gott, zeichnet er die Zu-stände, wie sie sind. „Unsere Vorgesetzten sind Diebsgesellen,der Raub des Armen ist in ihren Häusern," so ruft er zumEntsetzen derer, die sich vor dem Mächtigen zu beugen pflegtenund die Bürger selbst ruft er auf, daß sie aufhören sollten,törichte Worte zu schwatzen, daß sie den Schurken nicht mehrsollen nennen: „edler Herr" und den verschmitzten Fuchs nichtmehr: „Ihre Gnaden!" Und zur Zeit der Weinlese, alsalles sich übermütigem Jubel hingibt, singt er
Das Lied vom Weinberg.
Laßt mich singen von meinem Freund, meines FreundesLied von seinem Weinberg. Einen Weinberg hatte meinFreund an fruchtbarer Bergeshalde. Er grub ihn um undsteinte ihn aus und bepflanzte ihn mit Edelreben. Einen
Karl Schweizer, Lesebuch für den Religionsunterricht. S. Auflage. 12